Externe Texte

Autonome Antifa Nordost (AANO), Berlin

Deutschland befreit sich. Warum wir am achten Mai nicht auf die Straße gehen

Moishe Postone

Nationalsozialismus und Antisemitismus

Im weiteren präsentieren wir hier Texte von Prof. Heinz Gess (Bielefeld), die er uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat. Wir veröffentlichen sie unabhängig davon, ob sie in allen Teilen mit unserer Position übereinstimmen. So kann die positive Bezugnahme auf die Kommunistische Partei des Iran nur eine punktuelle sein, weil sie z. B. gegenüber Israel knallharte antizionistische Positionen vertritt.

Seit einiger Zeit unterhält der Autor eine eigene Web-Seite: http://www.kritiknetz.de. Deshalb werden wir hier zukünftig nur noch in Ausnahmefällen Texte von ihm aufnehmen.

Gewissenskonflikte um Israel. Deutsche Verhältnisse (16. 09. 2004)

Ausgehend von der Presseberichterstattung zum Fußballspiel des FC Bayern gegen den jüdischen Club Maccabi Tel Aviv im Rahmen der Championsleague wird der kaum noch verhohlene gegen den Staat Israel gerichtete Antisemitismus der deutschen Öffentlichkeit aufgedeckt.

Pax Christi in der Tradition des christlichen Judenhasses (24. 09. 2004)

Die Pax Christi Gemeinde Essen will den von der israelischen Armee gezielt getöteten ideologischen Führer der Hamas-Terroristen, Scheich Jassin und seinen ebenfalls getöteten Nachfolger Rantisi als "Opfer der Gewalt" ehren. Dagegen protestieren andere Christen, die sich der "christlich-jüdischen Zusammenarbeit" verpflichtet fühlen. H. Gess nimmt ihre Argumente auf und fügt eigene, weiter gehende hinzu.

Requiem für Atafeh Rajabi (Mitte Oktober 2004)

Dieser Artikel setzt sich kritisch mit dem deutsch-europäischen Ansinnen auseinander, einen "kritischen Dialog" mit den muslimisch-despotischen Staaten zu führen. Er bezieht sich auf Stellungnahmen der Kommunistischen Partei des Iran gegen zwei Todesurteile gegen iranische Frauen und zitiert diese auch.

Der Mord an Theo van Gogh und die "deutsch-christliche" Ideologie

Heinz Gess setzt sich in diesem kurzen Artikel mit der Stellungnahme einer rechten deutschen Sekte auseinander, die den Mord an Theo van Gogh als "semitischen Ritualmord" diffamiert und letztlich die jüdische Religion für derartige Morde als verantwortlich ansieht. Er warnt davor, diese Position als marginal und unbedeutend abzutun. Schließlich seien es u.a. als alternativ oder sogar "links" geltende "Denker" wie Franz Alt oder Eugen Drewermann, die ähnliche Positionen verträten. Zum Beleg fügt er einen längeren Auszug aus einem Buch "Vom Faschismus zum neuen Denken" (Zu Klampen, Lüneburg 1994, s. 222- 236) an, in dem er den Antisemitismus bei F. Alt und C. G. Jung untersucht.

Antisemitismus in der Süddeutschen? (11. 11. 2004)

H. Leyendecker sieht den islamistischen Terrorismus als Folge US-amerikanischer und israelischer Politik.

Heitmeyer-Studie: Ressentiments gegen Israel und zunehmender Antisemitismus

Kommentar zur aktuellen Studie des Bielefelder Soziologen Heitmeyer, der zwischen der Israelfeindschaft großer Teile der deutschen Bevölkerung und dem zunehmenden Antisemitismus einen Zusammenhang sieht. Also: Was alle schon wusten, aber nicht sich öffentlich zu sagen trauten, ist jetzt wissenschaftlich erforscht worden. Aber erklärt wird in dieser Studie wenig.

"Die Juden sind... unrein"

Am 13.01.05 erschien in der Tageszeitung "Die Welt" ein Interview mit einem Sprecher des "Islamischen Jihad" zu der Frage, wie diese terroristische Organisation sich zum neuen Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde und zum Existenzrecht von Israel stellt. Die Antworten sind unmissverständlich: Kein Muslim könne je einen jüdischen Staat auf "palästinensischem Boden" dulden, da "die Juden (...) unrein" seien. Diese nicht sehr überraschende Auskunft stellt Heinz Gess in einen Zusammenhang mit der deutschen Ideologie.

Der "Bomben-Holocaust". Zur Politik und Bildung nach Auschwitz

Anlass für diesen Artikel ist eine Nachricht aus der "Freien Presse" (Chemnitz): "Die Akzeptanz für den NPD-Begriff «Bomben-Holocaust» ist größer als erwartet. 27 Prozent der Deutschen unter 30 Jahren halten den Begriff im Zusammenhang mit den anglo-amerikanischen Luftangriffen auf Dresden für nicht anstößig... "
Aktualisierung: Mittwoch, 27. April 2005



Gewissenskonflikte um Israel. Deutsche Verhältnisse

1. Gewissenskonflikte?

Am 15.09.04 spielte der FC Bayern im Rahmen der Championsleague gegen den jüdischen Club Maccabi Tel Aviv. Gegen alle Mutmaßungen, die in der deutschen Presse angestellt wurden und gegen alle Sensationsgier, die mit der Befürchtung spielte, deutsche Fußballspieler könnten, weil die israelische Armee nur 60 Kilometer vom Spielort entfernt einen Sicherheitszaun zum Schutz gegen palästinenischen Terror errichtet hat, unschuldige Opfer palästinensischer durch den Judenstaat verschuldeter „Widerstandsaktionen“ werden, war es ein ganz gewöhnliches Fußballspiel: Der FC Bayern gewann nach schlechtem Spiel, und das Spiel entscheidende Tor schoss wieder einmal der niederländische Spieler Maccay. Ein ganz gewöhnliches Fußballspiel also. Den erwarteten Anschlag, der die angestachelte Sensationsgier hätte befriedigen können und den deutschen Medien erneut die Gelegenheit zur Abrechnung mit dem jüdischen „Tätervolk“ geboten hätte, hat es nicht gegeben.
Dabei waren die Bleistifte schon gespitzt, das „außergewöhnliche Spiel“ und seine „ungewöhnlichen Begleitumstände“ entsprechend zu kommentieren. Ja, was hätte man nicht wieder einmal daraus machen können, wenn das „Außergewöhnliche“ eingetreten wäre. Aber nun ist nichts ist daraus geworden. Die Sensation ist nicht eingetreten. Und so blieb nichts anderes, als die übertriebenen Sicherheitsvorkehrungen zu monieren, die die Sensation verhindert haben, mit Sprüchen wie „Wehe man hat am Morgen die falschen Socken angezogen“ oder mit Bildkommentaren wie „keine falsche Bewegung“ zu monieren und vor allem den „Gewissenskonflikt“ herauszustellen, der es dem iranischen Fußballprofi unmöglich machte, in dieses Israel zu reisen. So schrieb die NW in ihrem Kommentar zum Spiel: „Schließlich der Gewissenskonflikt des iranischen Bayernprofis Vahid Hashemian, dem Reisen nach Israel nahezu unmöglich sind“ und wiederholte, damit es sich besser einprägt, dieselbe Aussage in ihrer Berichterstattung, in der es heißt: „Offiziell wegen einer Rückenverletzung blieb der Iraner zu Hause und vermied damit den Gewissenskonflikt, nach Israel reisen zu müssen,...“ Sie haben richtig gelesen! Ohne Hashemian überhaupt gefragt zu haben, warum er es vorzieht, lieber nicht nach Israel zu reisen, weiß der Mainstream der deutschen Presse, dass dem Profi Hashemian als gebürtigen Iraner Gewissenkonflikte plagen müssen, wenn ihm zugemutet wird, eine Reise nach Israel anzutreten, und die Pflege des guten Gewissens ihm einfach keine andere Wahl lässt, als Rückenschmerzen zu haben, um die Reise absagen zu können. Kommentatoren und Berichterstatter wissen das so genau, weil sie damit nur ihre eigenen Befindlichkeiten wiedergeben. Sie brauchen nur auf die Stimme ihres „kollektiven Unbewussten“ zu lauschen, dann wissen sie, wie Hashemian empfindet, und dass er Gewissenbisse haben muss, wenn er in den Judenstaat fahren soll. Vielleicht ist das „kollektive Unbewusste“ und das darauf gegründete „wahre“ und “authentische Völkergewissen“ ja gar kein nur spezifisch „iranisches kollektives Unbewusstes“, sondern ein weltweites oder zumindest „deutsch-iranisches“ oder „arisches“. Das würde dann erklären, warum man, wenn es um solche Fragen geht, gar nicht mehr nachfragen muss, sondern nur echt und authentisch sein und Kontakt mit dem eigenen kollektiven Unbewussten aufnehmen muss, um zu wissen, was in dem „echten Iraner“, der Iraner bleiben will, vor sich geht. Dann weiß man auch sofort: Wer anders fühlt und gerne nach Jerusalem fährt, muss ein großer oder kleiner Satan sein. So einfach ist die Welt. Das hat bereits schon der große Psychologe der „praktischen Psychologe“, C.G. Jung, gewusst.

Offensichtlich ist der deutschen Presse nicht entgangen, dass die USA im Iran als „der große“ und „Israel“ als der „kleine Satan“ gelten. „Groß“ der eine und „klein“ der andere aber nur wegen der Größe des Landes und der Zahl seiner Einwohner. Was den Ursprung des „satanischen Geistes“, seine Stärke und seine „Zersetzungskraft“ angeht, gilt selbstverständlich „der Jude“ als der größere Satan, als der Ursprung allen Satanischen, aller „Entfremdung“, allen Abfalls vom göttlichen Gesetz, das den Menschen eingeschrieben ist, aller Zersetzung der autoritären repressiven Sexualmoral, und „der weiße protestantische US-Amerikaner“ als sein Abklatsch und Opfer. Vermutlich weiß sie auch, dass seitdem die von vielen Alteuropäern so sehr begrüßte völkische Revolution unter der Führung der schiitischen Mullahs im Resultat zum iranischen „Gottesstaat“ geführt hat, an deren Spitze erleuchtete Mullahs, reine Verkörperungen des göttliches Gesetzes stehen, es jedem Iraner bei Androhung schärfster Strafen verboten ist, in den Judenstaat zu reisen. Wer es tut, hat mit dem Schlimmsten zu rechnen und sollte sicherheitshalber nie wieder den Boden des Gottesstaates betreten. Er wäre seines Lebens nicht sicher. Die Hüter und Wächter des guten Gewissens, die Vertreter Allahs auf Erden, die dieses Verdikt verhängt haben, haben damit ihrem Selbstverständnis nach nicht etwa nur „positives Recht“, in diesem Fall eine willkürliche Zwangsmaßnahme in Rechtsform, geschaffen, sondern dem unabänderlichen „göttlichen Willen“, der ohnehin in jedem unverdorbenen Menschen waltet, zum weltlichen Ausdruck verholfen. Es ist nach der Ideologie des Gottesstaates Allah, der durch seine Stellvertreter auf Erden festlegen lässt, dass „der Jude“ und sein Geist vom Teufel sind, dass die Herrschaft des „jüdischen Geistes“ den Untergang der Welt in Sünde und Chaos bedeutet, infolgedessen jeder Kontakt mit ihm tabu sein muss, der Judenstaat am besten wie alles von Grund auf Böse zu zerstören ist, und der Jude, der sich nicht bekehren lässt oder nicht mindestens bereit ist, als Minderer, als „Dhimmi“, sein Leben zu fristen, kein Existenzrecht im der schönen neuen Welt der globalen Umma hat. Der Mullah und seine Gotteskrieger erfüllen ihrem Selbstverständnis nach nur das Werk des Herrn, wenn sie diese Auffassung in die Tat umsetzen, und sie leiden permanent unter „Gewissenskonflikten“, wenn sie nur an den Staat Israel denken, weil seine Existenz ihnen täglich ihr bisheriges Versagen vor Augen führt, den Auftrag Gottes in die Tat umzusetzen. Das alles müsste die deutsche Presse einschließlich der NW wissen. Was treibt sie dann nur dazu, dieses falsche Selbstverständnis blindlings zu affirmieren, nach dem jedweder gebürtige Iraner ganz von selbst, von innen heraus „Gewissenskonflikte“ hat, wenn er daran denkt, mit Juden in Berührung kommen zu können. Wie nur kommen sie darauf, dass jeder gebürtige Iraner a priori mit der herrschenden Ideologie und dem totalitären, terroristischen Zwang im Namen Gottes identisch ist? Haben sie noch nie etwas von der Opposition im Iran gehört und davon, wie viele Iraner in Europa leben, die auf den revolutionären Umsturz in diesem „Gottesstaat“ setzen und für die Realisierung der „freiheitlich demokratischen Grundordnung“ eintreten, die aus der Sicht der Gotteskrieger ein Machwerk des Satans ist, das sie mit allen Mitteln bekämpfen müssen? Wirkt da noch der deutsche Untertanengeist nach, der sich einfach nicht vorstellen kann, dass der Untertan anders denken könnte als sein Dienstherr und aus wiedererwachter Freiheitsliebe dessen herrschaftslegitimierende Lebenslügen rundweg ablehnt. So etwas von dieser Art muss es wohl sein, dass die Berichterstattung des deutschen Mainstreams bestimmt. Denn es wäre doch so einfach, den Sachverhalt auch anders zu beschreiben. Statt „der Gewissenskonflikt machte die Reise unmöglich“ hätte man doch nur schreiben brauchen „Angst vor den Machthabern im Iran“ oder die „berechtigte Furcht, nicht mehr in den Iran einreisen zu dürfen und die Staatsangehörigkeit zu verlieren, machte die Reise unmöglich“ und der Leser hätte sogleich verstanden, warum Haschemian kein Antisemit sein muss, wenn er es als Iraner vorzieht, nicht nach Israel zu reisen, und stattdessen lieber Rückenschmerzen bekommt, und dass diese seine Entscheidung nicht mit den Juden, sondern mit der totalitären „organischen Herrschaft“ im Iran zu tun hat, dass sie die erpresserische Macht ist und nicht Israel der Satan. Es wäre doch so einfach gewesen und der Wahrheit um vieles näher gekommen. Aber dass das Augenfällige, so einfach Auszusprechende nicht gesagt wird, zeigt nur, wie die deutsche Mentalität beschaffen ist und dass die antiamerikanische, antisemitische deutsche Ideologie bis in den Sportteil hinein wirkt und zu neuem Höhenflug ansetzt.

2. Fiktion oder wirkliche deutsche Verhältnisse?

Aber kehren wir noch einmal zu der Frage zurück, was der Mainstream der deutschen Presse, also z. B. die TAZ , die SZ, der Stern, der Spiegel oder auch die NW daraus hätte machen können, wenn die Begleitumstände wirklich so dramatisch geworden wären, wie man „befürchtet“ hatte und das Spiel wirklich zu dem „außergewöhnlichen Spiel“ geworden wäre. Dann, ja dann wäre das gewiss der Beweis dafür gewesen, wie gut man daran tut, seinem Gewissen zu folgen und nur ja nicht nach Israel, diesem kleinen großen Satan, zu reisen. Wieder einmal hätte man den Juden wenige Stunden nach der obligatorischen Beileidsbekundung und dem Ausdruck tiefer Bestürzung bescheinigen können, dass sie „eigentlich“ selber schuld sind und sie sich deshalb „letztlich“ über ihre Mordopfer nicht beklagen können. Wieder einmal hätte man deutlich machen können, dass die Opfer doch eigentlich die Täter und diese die wahren Opfer ewiger jüdischer Ränke und Machenschaften seien, dass sie, die Juden, die Unruhestifter in der Region seien, in der doch die Araber Heimatrecht hätten, weil sie allein mit dem von ihnen geraubten Boden „verwurzelt“ seien und deshalb das Erstlingsrecht hätten. Die Juden seien nun einmal zu spät gekommen, die Welt sei verteilt und „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“. So sei das nun einmal. Das sei ein „ehernes Gesetz der Natur“ und wer sich dem „ehernen Gesetz“ nicht fügt und als Zu-spät-gekommener die Strafe der Staatenlosigkeit in einer Welt der Nationalstaaten, den unabänderlichen Status des Nichtdazugehörigen nicht hinnehme, sondern sein ehernes Schicksal zu sabotieren trachte, der sei eben selber schuld. Das Leben räche unerbittlich die Übertretung seiner Gesetze und lösche den Unbotmäßigen unbarmherzig aus - es sei denn, er besönne sich, gäbe seinen zionistischen Nationalstaat auf und nehme sein vom Leben selbst verhängtes Schicksal, das Los des ewigen Ahasver, des ewigen Asylanten, der nirgendwo dazugehört, die faktische Rechtlosigkeit des Besitzers von „garantierten Menschenrechten“, die keiner garantiert, weil es keinen Staat gibt, der sie schützt, auf sich.

Wieder einmal hätte man den israelischen Juden die Lehre erteilen können, dass ihr Anspruch auf einen Nationalstaat, der ihnen die Menschenrechte nicht nur auf dem Blatt Papier, sondern wirksam garantiert, ihr Zionismus, ein Unrecht gegen andere sei, das moralisch um so schwerer wiege, weil die Juden selber doch gerade erst Opfer des nationalstaatlichen Wahns der Deutschen geworden seien und deshalb besser als alle anderen hätten wissen müssen, welches Unrecht die Errichtung und Verteidigung des Nationalstaates um nahezu jeden Preis für die Minderheit in diesem Staat nach sich ziehe. Abermals hätte man ihnen vorhalten können, dass sie im Gegensatz zu den guten Deutschen, die aus ihrer Geschichte gelernt hätten, aus dem Unrecht, das ihnen angetan wurde, aber nun wirklich gar nichts gelernt haben und so verstockt seien wie eh und je. Denn wenn sie aus ihrer Geschichte gelernt hätten, hätten sie natürlich freiwillig auf die Errichtung eines eigenständigen Nationalstaates verzichtet oder ihn zumindest so klein und unbewaffnet gehalten, dass er jederzeit hätte zerstört werden können, weil sie dann ja das Unrecht, das ihnen angetan wurde, nicht selbst an anderen hätten wiederholen wollen. So aber hätten sie, unbelehrbar wie eh und je, das Gegenteil getan, seien „Zionisten“ geworden und selber dem nationalistischen Wahn verfallen, indem sie ihren Nationalstaat gegen Kräfte, die den Genozid an Juden propagieren, mit Klauen und Zähnen verteidigten. Damit seien sie die Fußstapfen der Nazi-Täter getreten, während die Deutschen aus ihrer Schuld gelernt hätten und sich folgerichtig mit den Palästinensern, den Opfern der jüdischen Nazitätern, verbunden hätten; sogar so sehr verbunden hätten, dass sie aus lauter Mitgefühl mit den Opfern bereit sind, deren Propaganda für einen neuen Genozid an den Juden entweder ganz zu übersehen und für eine pure Verzweiflungstat zu halten, für die man Verständnis haben und die man auf jeden Fall weiter finanzieren muss - wie ja eigentlich auch der nationalsozialistische Massenmord nur eine Verzweiflungstat war, die man freilich wegen der Tabus, die in Deutschland wegen der amerikanischen Verhältnisse hierzulande immer noch gelten, so nicht nenne dürfe.

Wieder einmal hätte man ihnen vorrechnen können, welch gewaltige Schuld die Juden auf sich geladen haben, indem sie gegen den Willen des wohlmeinenden Deutschland und des alten Europas, das es doch immer gut mit den Juden gemeint habe, obwohl die verstockten und raffgierigen Juden es ihm so schwer gemacht haben und das verstockte Israel es ihnen in der Gegenwart auch wieder so verdammt schwer mache, den „Bulldozer“ Sharon zum Ministerpräsidenten gewählt habe. Schließlich habe dieser doch die zweite Intifada der Massenselbstmordattentate ausgelöst, weil er die mit Herrschaftsansprüchen verschmolzenen „religiösen Gefühle“ der Moslems verletzt und die Unverschämtheit besessen habe, in politisch angespannter Lage ihren Exklusivanspruch auf den „heiligen Berg“ in Frage zu stellen, indem er die als Klagemauer bekannten Reste des von den europäischen Römern zerstörten dritten jüdischen Tempels auf dem „heiligen Berg“ ohne Erlaubnis der palästinensischen Autonomiebehörde besuchte. Wieder hätte man sich in bedingungsloser „antifaschistischer Solidarität“ mit Hamas, der PLO, Djihad und den Al Aksa Brigaden, die gerade wieder einmal unter der Parole „Zionismus = NS“ zur restlosen Auslöschung Israels ausgegebenen hatten, über diese Dreistigkeit ohnegleichen, diese Unverschämtheit und bodenlose Frechheit echauffieren können. Denn schließlich hätte der „fette Bulldozer“ doch wissen müssen, dass die Palästinenser unter ihrem Führer Arafat in ihren nicht zuletzt von der EU finanzierten Ausbildungscamps allein schon rund 25Tausend Kinder und Jugendliche zu Selbstmordattentätern abgerichtet hatten und die Jahre der Verhandlungen mit der Regierung Barak genutzt hatten, sich bis an die Zähne zu bewaffnen und nun, nachdem die Verhandlungen planmäßig gescheitert waren, nur auf eine günstige Gelegenheit warteten, loszuschlagen zu können. Der „fette Bulldozer“, wie Sharon in der deutschen Presse meist genannt wird, die offensichtlich vergessen hat, dass sie mit diesem Bild Assoziationen weckt wie einst „der Stürmer“, der Juden zumeist als fette, raffgierige, korrupte und krummnasige Bulldozer darstellte, hätte doch wissen müssen, dass die islamischen Araber den „heiligen Berg“ als ihr ausschließliches Eigentum und Heiligtum betrachten und in der jüdischen Anwesenheit auf diesem Berg eine Besudelung der Reinheit ihres Glaubens, eine Provokation ihres einzig wahren Glaubens durch die Fleisch gewordene Lüge erblicken, und dass ihr auf den Grundfesten des jüdischen Tempels erbauter Felsendom aller Welt zum Zeichen dienen soll, dass ihre Religion die endgültig siegreiche auf Erden und zur Herrschaft über die Völker berufen ist, das Judentum aber wegen seiner Verderbtheit und inneren Lügenhaftigkeit, wesenhaften Inauthentizität, seinen Anspruch verwirkt habe, ausgewählt zu sein, Zeugnis abzulegen für das Wort Gottes. Voller Verständnis für diesen „historisch gewachsenen“ Herrschafts- und Exklusivitätsanspruch hätte man wieder einmal den Kopf schütteln können, über die Dreistigkeit des Vertreters des „künstlichen Gebildes“, das „historisch Gewachsene“ so frech zu missachten und zum ich weiß nicht wievielten Male die Propaganda von der ungeheuren Provokation verbreiten können, die der Besuch der Klagemauer für die schwer bewaffneten „Sicherheitsdienste“ der Autonomiebehörde, die palästinensische „Befreiungs¬armee“ und die vorbereiteten palästinensischen Selbstmörderbrigaden gewesen sei, und sein Verständnis dafür äußern können, dass auf solche unerhörte, unüberbietbare Provokation der Fleisch gewordenen Lüge die Vertreter des wahren Glaubens und des verwurzelten Volkes losschlagen müssen, weil ihnen die historische Notwendigkeit und der Wille des Allmächtigen gar keine andere Wahl lässt.
Ach, wäre das Spiel doch nur das „außergewöhnliche Ereignis“ dieses Jahres geworden. wieder einmal hätte man Gelegenheit gehabt, den Juden in Israel und ihren Politikern zu zeigen, was der „gute Deutsche“ von dem „guten Juden“ oder das andere, bessere Israel erwartet: Appeasement um jeden Preis bis zur Selbstzerstörung. Jeder ein Uri Avnery. Das ist der Begriff des deutschen Spießbürgers vom Frieden: Nicht den unverschämten Anspruch auf unvermittelte, direkte, autoritäre Herrschaft, die persönliche Unterwerfung bis zum Opfer des eigenen Lebens fordert, empfindet er als Provokation, wenn dieser Ansppruch nur völkisch und antikapitalistisch daherkommt, sich als wurzelecht, ursprünglich und mit dem Kampf gegen die kapitalistische Raffgier und die Künstlichkeit „legitimiert“. Die Provokation besteht für den deutschen Spießbürger gleich welcher Partei immer nur darin, dass sich jemand dieser „organischen Herrschaft“ nicht beugen will und sich „anmaßt“, an das Unrecht der ersten ursprünglichen Akkumulation zu erinnern und sich infolgedessen weigert, das aus diesem ursprünglichen Unrecht abgeleitete Recht anzuerkennen, das Recht deshalb sei, weil es „dem Ursprung“ entspringe, der das Eigene begründet habe. Diejenige Herrschaft, die das auf Unrecht gegründete „Eigene“ schützt und bewahrt und denjenigen zum Volksgenossen erklärt und Sicherheit verspricht, wenn er sich dem Ruf der organischen Volksgemeinschaft nicht verschließt, die lässt sich der Spießbürger sich bieten. Dafür steht er ein, ihr dient er sich an, wo er nur kann. Nicht bieten aber lässt er sich die Frechheit, dass „das Eigene“, das den anderen ausschließt, weil er zu spät gekommen ist oder nicht am „richtigen Ort“ war, als der ursprüngliche Raub stattfand, von eben diesem anderen „mies gemacht“ und „zersetzt“ wird, indem die „Lüge“ verbreitet wird, es sei auf einem Unrecht gegründet, dessen Fortbestehen in der Gestalt von „historisch gewachsenen“ Rechtsansprüchen nur immer weiteres Unrecht erzeugt: eine endlose Spirale anwachsenden Unrechts. Eine dreiste Frechheit ist für ihn der Gedanke, es sei in der Geschichte noch etwas unabgegolten, wirkliche Freiheit - auch unter liberal-demokratischen Verhältnissen - noch nicht erreicht, von Gerechtigkeit könne keine Rede; es stünde noch etwas aus und man dürfe - auch mit dem Eigenen - so wie bisher nicht weitermachen, weil alles Eigene in der Form, wie es existiert, auf Unrecht gegründet sei. Eine dreiste Frechheit ist für ihn die Behauptung, auch der angeblich Zu-spät-Gekommene habe dasselbe Recht wie er. Wenn einer so daher kommt, ist der Spießbürger, der sich mit dem Ganzen und seinen Vertreten eins weiß, empört und fühlt sich - eines Sinnes mit seinen völkischen Gesinnungsgenossen auf der ganzen Welt - in seinen völkischen, religiösen oder kulturellen Rechten verletzt. Dann schlägt er zu und macht im harmlosen Fall Montagsdemos für das saubere, ursprungstreue Kapital gegen das raffgierige, das seinen Ursprung verrät, das vaterlandslose Kapital, für die Ausbeutung, die rational geschieht und sich mit der Leistung der Manager, den Funktionären des Kapitals rechtfertigen kann, gegen das korrupte und vagabundierende globale Kapital, das nichts leistet und dennoch wächst, gegen die Ackermanns und Mannesmanns für Helmut Schmidt und Trigema, die Firma, die mit dem Affen wirbt.

Was bleibt nach der verpassten Chance, in Treue zum deutsch-iranischen Gewissen so richtig vom Leder ziehen zu können. Nun, die nächste Chance, Gewissentreue zu beweisen, kommt bestimmt. Demnächst jährt sich der vierte Jahrestag der Intifada der Suicidbomber und Mordbanden und schon wird von deutsch-völkischen „Antiimperialisten“ und „deutsche Sozialisten, über deren reaktionären Ungeist Marx im kommunistischen Manifest bereits das Meiste schon gesagt hat, zur Solidarität mit dem terroristischen „irakischen Widerstand“ gegen die Errichtung der liberalen Demokratie und die sie tragenden irakischen und mit ihnen solidarischen ausländischen Kräfte aufgerufen. Ganz offen organisieren sich die völkisch- nationalen „Antiimperialisten“ mit den reaktionärsten Feinden der USA und Israel, jenem durch nichts als Hass zusammengehaltenen Bündnis aus Ba'thisten, die den Irak unter dem völkisch-faschistischem Terrorregime des Saddam Hussein zum „freien Irak“ erklären, weil die Regierung damals noch frei schalten konnte wie sie wollte, und den gegenwärtigen Irak zum unfreien, weil die Freiheit der der totalitären Willkür nun abgeschafft ist, und das nur mit amerikanischer militärischer Unterstützung zu bewerkstelligen war und angesichts der mörderischen Tätigkeit der terroristischen Internationale im Irak auch noch einige Zeit so bleiben wird. Völlig offen sammeln die „deutschen Sozialisten“ und völkischen Antiimperialisten, die noch nicht wahrhaben wollen, dass eigentlich besser bei der NPD und der „Jungen Freiheit“ aufgehoben wären als z. B. in der PDS, „10 Euro für den irakischen Widerstand“ und jubilieren klammheimlich darüber, dass dieses Geld eingesetzt wird, um ausländischen Helfer des demokratischen Aufbaus im Irak vor laufender Kamera zu enthaupten oder palästinensische suicid bomber in den Irak einzuschleusen, weil es in Israel durch den Sperrzaun zur Zeit nicht mehr genug Beschäftigungsmöglichkeiten für diese Vernichtungsarbeit gibt. So soll das „Menschenrecht“ auf völkische Selbstbestimmung, die nie die individuelle Selbstbestimmung der Menschen im Verein miteinander, sondern stets nur jene „totale Freiheit“ der Regierung oder „totale Herrschaft“ meint, die im Jargon der Neuen Rechten (De Benoist) als „organische Demokratie“ firmiert, wieder hergestellt werden Das ist doch wieder einmal eine gute Gelegenheit, etwas für das gute völkische Gewissen zu tun, das der Hohn auf die universalistische Moral ist?
Und noch eine zweite Gelegenheit drängt sich gerade zu auf. Demnächst soll in Berlin der panarabisch-islamische Kongress stattfinden, auf dem arabische Islamisten, die wie weiland die Deutschen Christen eine bleibende Synthese von völkisch-faschistischem Denken und in der in ihrer Region herrschenden Weltregion anstreben, wieder ihre Vernichtungspropaganda gegen den „kleinen“ und „großen Satan“ als berechtigten völkischen Befreiungskampf deklarieren werden und für neue Märtyrer dieses Befreiungskampfes werben werden, der „im Kampf gegen die imperialistische Globalisierung“ zur „Regierung derjenigen, die von ihrer eigenen Hände Arbeit leben“ (Bonner Arbeitskreis für internationale Solidarität), oder, wie die Nazis es ausgedrückt haben, zur Regierung des „schaffenden Kapitals“ führen soll. Innenminister Schily setzt sich vehement dafür ein, dass dieser Kongress verboten wird. Das ist doch eine gute Gelegenheit, gegen dieses „undemokratische Ansinnen“ könnte man zur Pflege des guten völkischen Gewissens und des „kritischen Dialogs“ mit den heiligen Machthabern im Irak in der TAZ, der „jungen Welt“, dem „neuen Deutschland“, vielleicht auch dem Stern und der SZ im stillen Einverständnis mit der „neuen Freiheit“, der Postille der „neuen Rechten“, vorzugehen, indem man z. B. nach der Methode aller antisemitischen Verschwörungstheoretiker einmal darauf hinweist, dass Schily gerade erst aus Israel zurückgekommen ist und also engen Kontakt zum kleinen großen Satan hat? Macht das nicht allein schon einiges klar? Gewiss ist er dort von dem jüdischen Bulldozer erpresst worden. Schließlich braucht „die jüdische Lobby“, wie alle „Antiimperialisten“ und Antisemiten sehr genau wissen, ja nur einen Finger zu haben und schon spuren deutsche Politiker wie Schily? Nur wirkliche Kerle wie Möllemann machen da eine Ausnahme, und der durfte deswegen ja auch im „Neuen Deutschland“ regelmäßig Kolumnen schreiben. Welch eine ausgezeichnete Gelegenheit, wieder einmal für das demokratische Recht auf Meinungsfreiheit für den Antisemitismus, den völkischen Faschismus und den gottesstaatlichen Terror einzutreten und gegen die antidemokratischen Versuche der jüdischen Lobby, diese Meinungsfreiheit mit Füßen zu treten, vorzugehen. Dieser Eingriff in die Verbotsdebatte könnte dann so wie der Kommentar von Eberhard Seidel in der Berliner TAZ vom 18.9.2004 (Nr. 7465, Seite 1), in dem es heißt:
„Die Debatte rund um einen vermeintlichen "Islamistenkongress", der Anfang Oktober in Berlin stattfinden soll, scheint den notorischen Judenfeinden neue Nahrung zu geben. Denn kaum hatte vor knapp einer Woche, pünktlich zur Wiederkehr des 11. 9., das Pariser Simon-Wiesenthal-Center die Bundesregierung zum Verbot des Kongresses aufgefordert, kündigte Innenminister Otto Schily, unterstützt von der CDU, ein Verbot der Berliner Versammlung an. Etwas irritierend waren der plötzliche Eifer und die Entschlossenheit schon. Denn die Vorbereitungen eines möglichen Kongresses in der Hauptstadt sind dem Verfassungsschutz, dem Innenministerium und professionellen Beobachtern der panarabischen, antijüdischen und islamistischen Szene seit Monaten bekannt. Bis zur Intervention des Simon-Wiesenthal-Centers waren sich die Experten einig: Von dieser Initiative geht keine unmittelbare Gefahr aus. Warum auch sollte eine Veranstaltung verboten werden, nur weil auf ihr antiisraelische, antiamerikanische und antieuropäische Reden zu erwarten sind? Solange nicht zu Gewalt und Rassenhass aufgerufen wird, ist eine solche politische Versammlung in einer funktionierenden Demokratie auszuhalten. Das verlangt der zivilgesellschaftliche Anstand auch deshalb, weil bis heute unklar ist, was sich in der Gefahreneinschätzung so plötzlich geändert haben soll, um ein Versammlungsverbot auszusprechen. Ebenso wenig gibt es Antworten auf die Frage, auf Grund welcher Erkenntnisse sich gegen wen ein Verbot denn richten sollte. All dies ließ Schily offen. Aus Mangel an Informationen? Dies wäre für einen demokratischen Rechtsstaat ein unerhörter Vorgang. Bleibt die Frage: Reagierten Politik und ein Teil der Medien deshalb so übereifrig, weil ein jüdischer Verband Alarm geschlagen hatte? Das wäre fatal. Antisemitismus nährt man bisweilen auch, indem man die Interessenpolitik einer jüdischen Lobbygruppe nicht kritisch hinterfragt und eigenes Recherchieren und Denken aufgibt. So leicht sollte man es Verschwörungstheoretikern nicht machen.“

Damit wäre dann wohl der Gewissenkonflikt aus der Welt geschafft und das Gewissen wieder ganz rein.

Heinz Gess, 16.09.2004



Pax Christi in der Tradition des christlichen Judenhasses

Von Heinz Gess

29. September 2004 - Heinz Gess ist Professor für Soziologie an der Fachhochschule Bielefeld
Heute erhielt ich die Nachricht, dass die Pax-Christi-Gemeinde in Essen die posthume Ehrung von Scheich Jassin und Rantisi beabsichtigt. Dagegen protestieren andere Christen. Lesen Sie selbst:


Offener Brief

betr.: Pax-Christi-Gemeinde ehrt Jassin und Rantisi als Opfer der Gewalt

Deutscher Koordinierungsrat
Vorstand der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit
Deutscher Koordinierungsrat
i.A. Prof. Dr. Hubert Frankemölle
33098 Paderborn

An
Herrn Bischof von Essen, Dr. Felix Genn
Herrn Bischof Dr. Reinhard Marx, Pax-Christi
zur Kenntnisnahme an
Pfarrer der Pax-Christi-Gemeinde, Essen
Herrn F.J.Steprath, WAZ (Westdeutsche Allgemeine)

Betr.: Pax-Christi-Gemeinde ehrt Jassin und Rantisi als Opfer der Gewalt

Sehr geehrte Herren Bischöfe,
die WAZ berichtet in ihrer Ausgabe vom 2. September 2004, dass in der Unterkirche der kath. Pax- Christi-Gemeinde in Essen-Bergerhausen im November wie in jedem Jahr "ohne Ansehen von Rasse und Religion ... die Namen von Gewaltopfern" ehrenvoll zum immerwährenden Gedenken in den Boden der Unterkirche eingebrannt werden sollen. Neben "Opfer des Terrors in Madrid und im Irak, Opfer der Maffia, Essener Kriegsopfer", neben der ermordeten schwedischen Außenministerin Anna Lindt stehen die Palästinenser Scheich Ahmed Jassin und Abd al-Ariz Rantisi, die beide - der eine aktiv, der andere ideologisch - jahrelang als Anstifter zu Terroranschlägen und Selbstmordattentaten gegen israelische Bürger, darunter zahlreiche Kinder und Frauen, weltweit bekannt sind und durch das israelische Militär - was wir ablehnen - gezielt getötet wurden.
Für die "Ehrung" fehlt uns nicht nur jedes Verständnis, sondern wir halten sie für einen geistlichen und geistigen Skandal. Dass Pfarrer Steprath und die Findungskommission laut WAZ behaupten, auch die Namen und damit auch das Verhalten von Jassin und Rantisi stehen "in der Pax-Christi- Tradition", hält der Vorstand der 83 Gesellschaften der Christlich-Jüdischen Zusammenarbeit für ungeheuerlich. Dadurch wird die Idee von Pax-Christi zum Gespött gemacht und die anderen Opfer werden verhöhnt. Nach allem, was zu erfahren ist, sind die Initiatoren dieses Planes kritischen Einwänden, die von außen an sie herangetragen wurden, kaum mehr zugänglich. Wir ersuchen Sie daher dringlich, in Ihrem Amt als Bischof und Vorstand der Pax-Christi-Deutschland diesem einer christlichen Gemeinde unwürdigen Vorhaben entgegen zu treten und die Verantwortlichen in der Gemeinde zur Besinnung zu mahnen.

Hochachtungsvoll
im Namen des Vorstandes des DKR
Prof. Dr. Hubert Frankemölle


Christlicher Judenhass ist in Deutschland nichts Neues. Er ist auch nach Auschwitz keineswegs verschwunden, sondern hat seine Akzentuierung verschoben. Es wird auch fleißig daran gearbeitet, ihn ideologisch aufzupolieren. Einer, der sich dabei unter vielen anderen hervorgetan hat, ist der bekannte Kirchenkritiker, Theologie und Religionspsychologe Eugen Drewermann. Ich habe nicht die Absicht, dies hier weiter auszuführen, sondern zitiere zum Beleg nur zwei Stellen, aus seinen Schriften „Der tödliche Fortschritt“ und „Die Spirale der Angst“. Dort schreibt Drewermann:
"So ist die Naturvergessenheit und die Anthropozentrik der Bibel in ihrer Einseitigkeit besonders krass ersichtlich, und es ist psychologisch keine Frage, dass in der Naturfremdheit des Christentums im Erbe der Bibel (gemeint ist das "alte Testament" - HG)) bereits einer der Hauptgründe auch für die innere Unfähigkeit zum Frieden liegt [...]Auf solche kriegerische Weise ist das Volk der Bibel unter der Führung seines Gottes jahrhundertelang groß geworden, und es scheint in historischer Sicht, als sei es [...] nicht gelungen, dieses außerordentlich kämpferische Erbe des Alten Testaments nebst seines nationalegoistischen Erbes wirksam abzustreifen. Nicht zuletzt war gerade das Spätjudentum [...] im Kontrast zu seiner politischen Ohnmacht von einer außerordentlichen endzeitlichen Rachebegeisterung und Kriegswütigkeit..." (Spirale der Angst, Herder Freiburg 1991, S. 185, 200) - "Die Wüstenreligion des Alten Testaments,in Gestalt des Christentums zur Botschaft einer Weltkirche erhoben, müsste in der Tat die ganze Welt verwüsten." (Der tödliche Fortschritt, Freiburg 1991, S.194)
Solche "Denkfiguren", die die Bibel zur ideologischen Aufrüstung des christlichen Antisemitismus missbrauchen, benutzte Drewermann in seinen vier Reden gegen den ersten Golfkrieg zur Apologie des Regimes des Saddam Hussein, zur Polemik gegen die USA und Israel und dazu, für die Langstreckeraketen, die Saddam auf Israel abfeuern ließ, obgleich Israel an am Krieg nicht beteiligt war, und von denen niemand sicher wissen konnte, ob sie nicht ein neues Auschwitz anrichten würden, den Juden selbst die Schuld zu geben.
In der Zeit nach der deutsch-europäischen Massenvernichtung der Juden richtet sich der christliche Judenhass weniger gegen die Juden im eigenen Land als gegen den Staat Israel, indem er die Solidarität des Hasses mit jenen übt, die den Staat Israel vernichten und die Juden ins Meer werfen wollen und daraus auch seit Jahrzehnten gar keinen Hehl machen. Ihnen wird von kirchlichen Organisationen immer wieder Verständnis signalisiert, indem der Nahostkonflikt im Einklang mit dem deutschen Mainstream auf den aggressiven, kriegslüsternen, gewalttätigen Zionismus oder das vermeintliche alttestamentarische "jüdische Wesen", d. h. seine "Unfähigkeit zum Frieden", sein "nationalegoistisches Erbe", seine "endzeitliche Rachebegeisterung", seine Wüstenhaftigkeit zurückgeführt wird. Schriften von Drewermann, Alt, Hannah Wolff u. a. geben die Anleitung für solche Zuschreibungen, ihre "theologische Begründungen" und ihre Nutzanwendung im Nahostkonflikt.
Der neueste Fall einer solchen Solidaritätserklärung christlicher Judenhasser mit dem arabisch-islamistischen Vernichtungsantisemitismus ist die beabsichtigte Ehrung der Hamasführer Scheich Ahmed, den man wegen seiner permanenten Vernichtungspropaganda gegen Juden und seiner religiös unterbauten Führerpropaganda den palästinensischen Goebbels nennen kann, und Abd al-Ariz Rantisi als Opfer von blutiger Gewalt. Beide wurden, weil es in der Volksgemeinschaft der palästinensischen Autonomiegebiete, wie seinerzeit in der deutschen Volkgemeinschaft, keine Instanz gab und gibt, die solchen Mördern und Propagandisten des Mordes Einhalt gebietet, und es auf absehbare Zeit auch keine Möglichkeit geben wird, ihnen den Prozess zu machen und weil die permanente Bedrohung israelischer Bürger mit Mord nicht hinnehmbar ist, vom israelischen Militär gezielt getötet. Ausgerechnet diese beiden Verbrecher, die Jahrzehntelang zur Vernichtung Israels und der Juden aufgerufen haben und blutige Gewalt gepredigt, organisiert und unter anderem Kinder darauf abgerichtet haben, sich für ihre schlechte Herrschaft schlachten zu lassen, wenn nur genug Juden dabei drauf gehen, ausgerechnet sie werden von "Pax Christi" als Opfer von blutiger Gewalt geehrt. Die sie ehren wollen, begründen das frank und frei damit, dass das Verhalten von Jassin und Rantisi in der "Pax-Christi-Tradition" stehe. Sie haben damit in gewissen Sinn sogar Recht. So wusste z. B. auch Luther aus der inneren "Freiheit des Christenmenschen" heraus schon Folgendes über die Juden zu sagen:
"die Juden, unsere Gäste, rauben und saugen uns aus, liegen uns auf dem Halse, die faulen Schelme und müßigen Wämste, saufen, fressen, haben gute Tage in unserem Hause, fluchen zu Lohn unserem Herren Christ, Kirchen, Fürsten, und uns allen, dräuen und wünschen uns den Tod ohne Unterlaß".
Er sah ob dieser "Untaten" der Juden und ihrer von Grund auf verdorbenen Mentalität keine andere Möglichkeit, mit ihnen anders zu verfahren als so:
"erstlich dass man ihre Synagogen mit Feuer verbrenne, und werfe hie zu, wer da kann Feuer und Pech; wer auch höllisch Feuer könnte zuwerfen, wär auch gut, auf dass Gott unsern Ernst und alle Welt solch Exempel sehen möchte.[...] zum anderen dass man ihnen ihre Bücher nehme, Betbücher, Talmudisten, auch die ganze Bibel. [...] zum dritten dass man ihnen verbiete, bei uns und in dem Unseren öffentlich Gott zu loben, zu danken, zu beten, zu lehren, bei Verlust des Leibes und des Lebens [...] Meines Dünkens wills doch da hinaus: Sollen wir der Juden Lästerung rein bleiben [...], so müssen wir geschieden sein, und sie aus unserem Land vertrieben werden.
Ich glaube, es braucht keiner weiteren Ausführungen, um deutlich zu machen, dass die Hasspredigten Jassins und sein Verhalten in gewissen Sinn wirklich in der "Pax-Christi- Tradition" stehen, und was Juden zu erwarten haben, wenn diese christlichen „Überzeugungstäter, mit der islamistischen Heilsfront vereinigt, einmal das Sagen auf der Welt hätten, und wie nötig es um der Menschheit willen ist, sich von dieser Tradition des „christlichen Friedens“ zu emanzipieren und ein anderes Verhältnis zum "Juden" und „Judentum" zu entwickeln. Aber wenn Auschwitz nicht gereicht hat, damit die Christenheit zur Besinnung kommt und mit ihren pathischen Projektionen aufhört, die immer darin enden, die Opfer für die eigentlichen Täter und die Täter für die eigentlichen Opfer, die nur Gegenmaßnahmen ergreifen, zu halten, wie das seit Jahrhunderten der Fall ist, was soll dann noch helfen? Ich denke: es hilft nur eins: Gegenpower. Deshalb ist es höchst erfreulich, dass sich diesmal Christen gegen die Äußerung des Judenhasses, der mit dem Vernichtungsantisemitismus paktiert, wehren, und die Bischöfe Genn und Marx, die solche Praxis tolerant durchgehen lassen, auffordern, endlich zu diesen Vorhaben Stellung zu nehmen und ihm entgegenzutreten.

Pax Shalom
Heinz Gess



"Requiem für Atafeh Rajabi"

"Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtlich gemachtes Wesen ist." (Marx)

Im August dieses Jahres wurde die 16jährige Atafeh Rajabi im Iran nach der Schariagesetzgebung "rechtmäßig" erhängt, weil sie "sexuelle Beziehungen" gehabt hat. Der Richter, der das schamlose Schandurteil sprach, meinte, dass Mädchen müsse "wahnsinnig" gewesen sein. Anders konnte er sich die Tat nicht erklären. Vor drei Jahrhunderten hätte man das im "alten Europa" noch ähnlich gesehen, aber vielleicht eher "Besessenheit durch den Teufel" diagnostiziert. Es hat vieler gesellschaftlicher Kämpfe bedurft, sich von dieser Art von Kultur und Herrschaftsform zu befreien, aber weltweit ist diese Befreiung noch lange nicht verwirklicht, sondern der Kampf um die Emanzipation aus solchen Verhältnisse unmittelbarer, direkter Unterdrückung, die sich religiös legitimiert, immer noch im vollen Gange. Die Scharia, wie sie im Iran praktiziert wird, ist, wie der gerichtlich angeordnete Mord an Atafeh zeigt, der Verlust jeglichen Rechtsbewusstsein im Iran und "wahnsinnig" ist in der Tat, wie die kommunistische Partei des Irans, schreibt, nicht Atafeh, sondern das Regime. Der Friede, den es der Welt bringen will, ist der "Wahnfriede" Wagners: Erlösung durch Vernichtung allen dessen, was anders ist. Erlösung vor allem derer, die individuelles Glück ersehnen und sich von den Herrenmenschen kein X für ein U vormachen lassen. Und das völkische Europa, ob "links" oder rechts, ist immerzu im stillen Einverständnis mit den Unterdrückern, das sich, weil es ja für den deutschen alternativen Konformismus stets dazugehört, "kritisch" und zwar "konstruktiv kritisch" zu sein, "kritisches Einverständnis" oder "Dialog" nennt.
Zur Zeit wartet die 32jährige Fatameh Hagijhat-Pajuh auf die Vollstreckung Ihres Todesurteils. Aber es gibt im Iran heftige Proteste gegen die Vollstreckung dieses Urteils, an denen die kommunistische Partei des Irans sich sehr stark beteiligt. Aber in den deutschen Medien hört man von alledem nichts. Wahrscheinlich hält man derlei Morde für legitim, weil sie mit der aufoktroyierten, religiös gerechtfertigten Herrschaftsordnung in solchen Staaten übereinstimmen, und man sich bekanntlich ja in die inneren Angelegenheiten anderer Nationen und Kulturen nach dem relativistischen völkischen Verständnis, das in Deutschland immer noch von "Nation" und "Kultur" herrscht, nicht einmischen darf. Auch möchte man den so "harmonisch" verlaufenden kritischen Dialog mit den Regimeherren nicht gerne stören. Was bedeutet dem echten deutschen Beschützer der kulturellen Verschiedenheit schon der Mord an der 16jährigen Atefeh Rajabi wegen des "Verbrechens, sexuelle Beziehungen" gehabt zu haben. Das sind doch nur Peanuts und gar nichts gegen die Verbrechen der Amerikaner, so erklärte mir kürzlich ein deutscher Grüner, der sich Sorgen um die ökologische Reinheit der Wurst macht, die er so gerne ist. Und wer sich der "organischen Ordnung des Islam" nicht fügt, ist doch selber schuld, oder? In der islamischen Kultur hat man eben die reine Verkörperung des Islam zu sein, und wer nicht-identisch ist, hat die Konsequenzen zu tragen, das gehört zur "kulturellen Identität" doch dazu und ist doch über all so. Zersetzer der religiösen Sexualmoral müssen daran glauben, so ist das eben im Iran. Mit Herrschaft und elendiger Repression hat das ganz nichts zu tun, sondern nur mit der eigenständigen, aber eben verschiedenen Kultur - So hört man es beständig in nahezu fast allen Medien Deutschlands, und dann folgt stets die unmoralische, vor falschem Moralin triefende Botschaft: 'Es sei Hybris, amerikanisch-westliche Arroganz, sich dort einmischen zu wollen. Derartige Einmischungen seien der einseitigen westlichen Sichtweise geschuldet, einem Westen, der seine Normen von individueller Freiheit und Selbstbestimmung der ganzen Welt aufherrschen und alle Menschen vereinzeln möchte, nur um sie noch besser ausbeuten zu können'. So wird das bedingungslose Einverständnis, das bequeme Sich-einrichten in einer Welt, die tagtäglich und willentlich Schrecken über Ungezählte verhängt, das gleichgültige, verhärtete Mittun im falschen Ganzen noch als selbstlose "höhere Moral" verkauft. Zu den Vorteilen, die man ohnehin schon genießt, weil unter den besseren Standortbedingungen lebt, will man auch das "gute Gewissen" haben, auf das All-Einheit herrsche, rundherum wohliges Einsein.
Aber es ist nun einmal nicht ganz so einfach. Denn die unterdrückten Menschen, die im Iran gegen diese Unterdrückung aufstehen, sehen das selbst ganz anders. Ihnen wird hier nur keine Stimme verliehen. Ihr Aufschrei hier nicht gehört, damit man mit den Herren des Regimes weiter "kritisch dialogisieren" kann. Die Unterdrückten gehen auf die Straßen und protestieren. Sie protestieren auch jetzt wieder gegen das neue Urteil des mörderischen Gerichtshofs, der die 32jährige Fatameh Haghijhat-Pajuh zum Tode verurteilte, weil diese in ihrer Not ihren Ehemann, der ihre Tochter vergewaltigen wollte, tötete. Indessen schweigt man sich in der deutschen Presse über solche Vorgänge im Iran im wahrsten Sinne zu Tode. Kein Protest regt sich bei denen, die den kritischen Dialog führen. Im Gegenteil, sie vergeben, wie kürzlich Frau Christiansen in Hannover, Preise an Frauen wie die Friedensnobelpreisträgerin Ebadi, die als "gemäßigte" und "tolerante" Muslimin gilt, aber in der Tat den dortigen faschistischen Gottesstaat mit ihrer angeblichen Toleranz fördert und ihn, wie sie wiederholt öffentlich bekundet hat, für vereinbar mit den Rechten der Frauen hält. - So recht die passende Gesprächspartnerin für den alternativen "deutschen Ideologen". Während Frau Haghighat-Pajouh, die nichts anderes getan hat, als ihre Tochter vor einer der schlimmsten Schandtaten zu bewahren, die einem jungen Mädchen angetan werden können, und nur um dieser Rettung willen, aus Notwehr, den Herrenmenschen, der ihr Mann war, getötet hat, wird der anderen Frau, die dazu schweigt, obwohl sie reden könnte und ihre Rede international gehört würde, ein Preis in Deutschland verliehen und die Preisverleiherin, Christiansen, schweigt selbstverständlich auch, ebenso wie der Kanzler dazu schwieg, dass er mit einem islamistischen Holocaust-Leugner, der die Vernichtung Israels wünscht, zusammen die Frankfurter Buchmesse eröffnete. Ein Kartell des Schweigens und Mittuns aus Geschäftsinteresse - that's Germany.
Adorno hat in seinem Aufsatz " Erziehung nach Auschwitz" diese Mentalität hart kritisiert. Er sieht in ihr eine Voraussetzung des Wirkens der Folterknechte im Faschismus und schreibt: "Was man so "Mitläufertum" nennt, war primär Geschäftsinteresse: dass man seinen Vorteil vor allen anderen wahrnimmt und, um nur ja sich nicht zu gefährden, sich nicht den Mund verbrennt. Das ist ein allgemeines Gesetz des Bestehenden. Das Schweigen unter dem Terror [und zum Terror - HG] nur dessen Konsequenz. Die Kälte der gesellschaftlichen Monade, des isolierten Konkurrenten, war als Indifferenz gegen das Schicksal der andern die Voraussetzung dafür, dass nur ganz wenige sich regten. Das wissen die die Folterknechte; darauf machen sie stets erneut die Probe." ( Ges. Schr. Bd 10.2, 687)
Nur allzu gut hat der deutsche Mainstream dies "allgemeine Gesetz des Bestehenden" erkannt und sich nur wenige Jahrzehnte nach dem Terror im eigenen Land mit ihm erneut vorbehaltlos identifiziert, natürlich nicht ohne ihm zugleich die Weihen der antiamerikanischen "Kraft des Guten" zu geben. Aber auch das ist schlechte alte Tradition in Deutschland, und der Kanzler ist die nahezu perfekte Individuierung dieses "allgemeinen Gesetzes" mitsamt dieser schlechten Tradition. Adorno aber meinte einst: Damit nie wieder Auschwitz möglich werde, müsse die Erziehung gerade so sein, dass diese Mentalität nie wieder obsiege. "Die einzig wahrhafte Kraft gegen das Prinzip von Auschwitz wäre Autonomie, [...] die Kraft [...] zum Nicht-Mitmachen." (a.a.O. 679)
Wann hat das Schweigen, wann der Verrat am Menschen, ein Ende? Wann protestieren Frauen hierzulande endlich gegen das islamistische und faschistische Regime im Iran, das die Rechte der Frauen derart mit Füßen tritt und pfeifen auf den völkischen Kulturrelativismus, weil die Menschenrechte, zu denen auch das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung gehört, vorgehen - hier und überall auf der weiten Erde im Sinne des kategorischen Imperativs, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtlich gemachtes Wesen ist." (Marx)

Siehe dazu den Rundbrief der kommunistischen Partei des Irans und den Protest gegen die Ehrung der iranischen Nobelpreisträgerin.



Heinz Gess

Der Mord an Theo van Gogh und die "deutsch-christliche" Ideologie

Wie erklärt sich das "deutsche Kolleg"  den Mord an Theo van Gogh in Amsterdam?

Ganz einfach: Es ist ein Ritualmord nach der Art der semitischen Religion des "Alten Testaments". Es sei ein konstitutiver Bestandteil der semitischen Religion des "alten Testaments", nicht nur einzelne Menschen, sondern ganze Völker - fremde, ungläubige Völker - zu "schächten". Der Gott des alten Testament schrecke nicht einmal davor zurück, dass Menschenopfer des erstgeborenen Sohnes zu fordern: s. Abraham und Isaak. Diese mörderische Gesinnung habe der Islam als semitische Religion aus dem Alten Testament übernommen und sogar abgemildert, weil er nur noch die Unterwerfung, aber nicht mehr die alttestamentarische "Schächtung" der Heiden und Fremden fordere. Also: "Der Jude" bzw. das semitische Alte Testament ist schuld! Der alte Schlachtruf der deutsch-völkischen und deutsch-christlichen Ideologen - da ist er wieder. Das "alte Europa" -es will nicht untergehen - ohne sein Vernichtungswerk nicht doch noch zu Ende zu bringen. Diesmal aber mit arabisch-islamischer Hilfe - wohlwollend zuschauend, wie die 'fortschrittlichere semitische Religion' den semitischen Juden, ihren 'veralteten Vorgänger', beseitigt, und sicherlich mit Unterstützung nicht geizend.  

Was stört es das "deutsche Kolleg" schon, dass der Brief des muslimischen Täters, der an der Brust des Ermordeten van Gogh befestigt war, zur Hälfte ein Aufruf war, alle Juden zu töten, weil sie existentielle Feinde des Islam seien und zur anderen Hälfte ein Aufruf, auch alle nicht  jüdischen Feinde des Islam zu töten, weil sie gewissermaßen verjudet seien? Mit Häme wirft er sich auf die zum Mord auserwählten Opfer und signalisiert 'christlich-germanische Zustimmung' zum Vorhaben, indem er die Juden, die auserwählten Opfer, im für schuldig erklärt - von Anfang an. Die Juden seien selber schuld, wenn sie umgebracht werden. Sie hätten den Geist der Vernichtung, des Hasses und der Vergeltung in die Welt gebracht, und würden nun selber Opfer dieses ihres Ungeistes werden. Die semitischen oder vom semitischen Geist angesteckten Täter seien nur Vollstrecker dessen, was mit dem Judentum in die Welt gekommen ist. Das deutsche Christentum dagegen sei die Erlösung aus diesem Ungeist. So haben es sich die autoritären Ideologen und Charaktere in Deutschland seit Luther, über Fichte, Wagner bis zum deutschen Christentum in der NS-Zeit schon immer zurecht gelegt. Seit Fichte ist man zudem davon überzeugt, dass die Juden zur Erlösung auch von innen her, eben weil sie kein "Urvolk" seien und keine Archetypen in sich trügen, auch gar nicht in der Lage seien und ihre Integration in das 'erlöste Urvolk' deshalb ganz und gar unmöglich ist.

Was stört es ferner, dass alles, was das Deutsche Kolleg über das 'semitische alte Testament' von sich gibt, falsch und absolut unhistorisch ist.

Aber, wie gesagt, solche Hinweise helfen wenig: Die pathisch Projizierenden können nicht aufhören. Blind projizieren sie, was in ihnen ist; projizieren den durch Unterdrückung und Tabuisierung infolge ihrer zwanghaften Identifikation mit der Herrschaft entstellten und zum Vernichtungswunsch umgewandelten rebellischen Wunsch auf die Juden, um ihn dort - durch Vernichtung der Juden oder Zustimmung zu ihrer Vernichtung - bekämpfen und zugleich ausleben zu können.

Kann Aufklärung über die gesellschaftlichen Bedingungen und die Psychogenese dieses projektiven Wahns hier überhaupt noch weiterhelfen? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass Aufklärung allein nicht weiterhilft, sondern dass nur eine reale Gegenmacht gegen das Projekt  des "deutschen Kollegs" weiterhilft. Deshalb ist die Existenz eines starken jüdischen Israel ein unbedingte Muß. Aber darüber ist in Deutschland eine reale antivölkische, antideutsche Gegenmacht notwendig. Diese muß neu erstehen. 

Gewiß wird nun manch einer sagen: Wer ist schon das "deutsche Kolleg": Ein paar antisemitische Rechtsdeutsche um Haverbeck und Baader. Eine kleine Minderheit, die uns nichts angeht! Weit gefehlt, diese "kleine Minderheit" steht für eine Denkform, die in Deutschland bis 1945 die kulturelle Hegemonie innehatte und noch keineswegs vergangen ist, sondern neu wieder auf dem Sprung ist, das Herz der angeblichen "Friedensnation" zu erobern, indem mit dem Finger auf den angeblich immer wieder Krieg anzettelnden, Kinder mordenden Juden im Nahen Osten gezeigt wird. Er ist nicht nur in der deutschen Rechten auf dem Sprung, sondern auch in der "Linken", sofern sie nur recht "deutsch" und insbesondere "christlich-deutsch" ist. Ich verweise zum Beleg nur auf die Schriften des bekannten alternativen Nichtdenkers Franz Alt, insbesondere seine Schrift "Jesus, der erste neue Mann", und die Schriften von Drewermann "der tödliche Fortschritt" und "die Spirale der Angst". Beide gelten in Deutschland sicher nicht als "neue Rechte", sondern als "Alternative" oder "Linke".
Gleichwohl bewegen sie sich exakt in derselben Denkform wie das "deutsche Kolleg".

Zum Beleg eine Kritik an Franz Alt, entnommen aus meinem Buch "Vom Faschismus zum neuen Denken" (Zu Klampen, Lüneburg 1994, s. 222- 236)

Antisemitismus bei Alt und Jung

Das Wiederaufleben des Antisemitismus Jungscher Provenienz bei Alt

Franz Alt empfiehlt Jungs Archetypenlehre als Wegweiser, die Sinnkrise, »die nicht bewältigten Krisen unserer Lebensmitte« zu überwinden und zur »Ganzheit des Menschen« und ineins damit zur »lebendigen Religion« zurückzufinden. Die Archetypen  erklärt er zur religiösen Urgegebenheit und bekundet, C.G. Jungs Lehre habe ihm zu einem neuen Verständnis vom Menschen verholfen: »Die Tiefenpsychologie zeigte mir den neuen Weg zur Quelle.«[i] »Der große Schweizer Psychologe Jung hat die göttliche Kraft in der menschlichen Seele wiederentdeckt. Nur über unsere Seele und über unsere Träume, die wir Nacht für Nacht als göttliche Botschaften von der Seele empfangen, kann Heilung und Umkehr erfolgen«.[ii] Wer seelische Heilung erlangen möchte, der müsse »seine religiöse Einstellung« wieder erreichen[iii] und zu einem neuen Verständnis von Religion kommen, »einem Verständnis von Religion als Dynamit und nicht als Opium[iv] – einem Verständnis dafür, daß »nur [...] von innen heraus Heilung und Umkehr kommen [kann]: für jeden einzelnen und damit für die Gesellschaft. [...] Die drohenden Katastrophen um uns sind Ausdruck der Katastrophen in uns.«[v]

Denjenigen, die die Gesellschaft kritisieren und sie grundlegend verändern wollen – gemeint sind wohl die kritische Theorie und die 68er Bewegung, soweit diese sich nicht selber zum »neuen Denken« transformiert hat –, wirft Alt in diesem Zusammenhang vor, sie forderten die Veränderung der Gesellschaft nur, weil sie die Kata?strophe in sich selber nicht wahrhaben und »sich nicht selbst ändern wollen.« Gegen sie gewandt wird moralisiert: »So scharf der Blick für die Schwächen der anderen werden kann, so blind ist das Auge gegenüber den eigenen Schwächen. [...] Alle eigenen Fehler und Schwächen werden auf andere projiziert und bei anderen gesucht.«[vi] Alt unterstellt damit etwas, das zwar falsch ist, aber »wahrer Ausdruck« seiner Blindheit gegenüber der die Menschen bis ins Innere durchdringenden gesellschaftlichen Vermittlung: Die Verhältnisse ändern zu wollen, die die Menschen ohnmächtig machen, meint er, bedeutet, die anderen unmittelbar schuldig zu sprechen und sich selbst zu exkulpieren. Wer die Menschen unterm Bann verselbständigter Verhältnisse sieht, kann ihnen aber nicht umstandslos »Willensfreiheit« zusprechen. Das Dritte, die gegen die Menschen verselbständigten gesellschaftlichen Verhältnisse, das »automatische Subjekt«, als das Marx das Kapital bezeichnete, und die Vermittlung der Einzelnen durch dessen Bewegung hindern daran.[vii] Alt personalisiert in unzulässiger Weise und setzt solch falsche Personalisierungen bei der Gesellschaftskritik voraus, um sie, die doch gerade darüber hinaus will, dann wegen ihrer vermeintlichen Projektionen diskreditieren zu können.

Mit der Übernahme der Jungschen Lehre übernimmt Alt das ihr innewohnende antisemitische Ticket. Mit dem »guten Bewußtsein«, mit der ewigen archetypischen Ordnung im Bunde zu stehen und jenseits der vermassenden Gesellschaft intakt und mit dem »wahren Ganzen« verbunden zu sein, reproduziert er gewissermaßen von innen heraus, worin schon Jung Meister war: Antisemitismus mit Heiligenschein, im Namen des guten neuen Menschen. Ausgerechnet unter Berufung auf Jungs Lehre, der noch 1945 davon redet, daß beim europäischen Menschen mit einer »patriarchalisch [...] eingestellten Psyche zu rechnen [ist], welche instinktiv diese [die patriarchalische, H. G.] Ordnung festhält«, weil andernfalls »weltanschauliche sowohl wie politisch-soziale Anarchie«[viii] die Folge wäre, und dessen Schriften von stereotypen patriarchalischen Äußerungen über Frauen voll sind, wird den Juden Patriarchalismus und männliche Vereinseitigung vorgeworfen, und daß sie als Juden darüber nicht hinaus können. Aber schauen wir genauer hin, wie das vonstatten geht.

Jesus war Jude. Sein Handeln ist nur aus seinem jüdischen Glauben und in der Tradition dieses Glaubens zu verstehen, mag das auch bis heute noch vielen Christen schwer ankommen, die im »Juden« lieber den Christusmörder und in Christus den Gegensatz zum Juden schlechthin, das feindliche Andere des Judentums sehen wollen. Auch dort noch, wo Jesus in eschatologischer Naherwartung das jüdische Gesetz überschreitet und durch sein Handeln das Neue, das kommen soll, herbeidrängen will, eine von Zwang und Opfer befreite Welt, die des Gesetzes nicht mehr bedarf, weil die Menschen in Freiheit produzieren und Gesellschaft machen können, entspringt das jüdischem Glauben, der Verheißung Gottes: »Siehe nun schaffe ich Neues; schon sproßt es; gewahrt ihr es nicht.«[ix] »Ich will einen einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen.«[x] Jesus weiß das, sagt er in der Bergpredigt, auf die sich Alt immer und immer beruft, doch ausdrücklich: »Ihr sollt nicht wähnen, ich sei gekommen, das Gesetz und die Propheten aufzulösen. Ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen. Wahrlich, ich sage euch: Bis daß Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht vergehen der kleinste Buchstabe [...] des Gesetzes, bis daß es alles geschehe.«[xi] Alt freilich, obgleich er behauptet, die Quelle, aus der er schöpfe, sei Jesus selber,[xii] will das nicht wissen. Er sieht in Jesus nicht einen Juden, der durch Erfüllung des Gesetzes und der Propheten über es hinaus gekommen ist, der den alten Unheilszusammenhang der Welt gesprengt und damit den Beginn des verheißenen neuen Äons eingeleitet hat, der, obgleich unvereinbar mit dem alten, seitdem doch, wie gebrochen auch immer, in ihm anwesend ist. Er sieht in ihm vielmehr – das scheint ihm das Wichtige zu sein – einen Juden, der »aufgehört hat, ein Jude zu sein,«[xiii] die Personifikation des mit dem Bild des Judengottes gänzlich unvereinbaren Archetypus des Selbst. Er wirft den Juden als ihr Wesen vor, worüber er hinausgekommen zu sein vorgibt: Patriarchalismus, einseitige Fixierung auf das Männliche bei Unterdrückung alles Weiblichen, Nationalismus, Negation der Ganzheit. Ihr Wesen sei es, herauszufallen aus dem ganzheitlichen Zusammenhang, und nur in dem sie aus Juden ein für allemal zu Nicht-Juden würden, ließe sich das ändern. Der Judengott sei ein Gott der Vergeltung, des »Auge um Auge, Zahn um Zahn, wie Du mir, so ich Dir, Heimzahlen mit gleicher Münze«[xiv], ein »Rache- und Richtergott«, der nur gnädig ist, »weil er ein Richtergott ist«, und ein Gott überdies, der ganz einseitig die Despotie der »nur-männlichen Werte« versinnbildliche, ein in seiner Einseitigkeit krankmachender Gott.[xv] Dieser Gott hingegen, den Jesus personifiziere, sei die Verkörperung der Liebe, der Sanftmut, der Friedfertigkeit und Barmherzigkeit, der liebt, »weil er der mütterlich-liebende Vater ist«[xvi], ein Wesen vor allem, das die vollendete Integration des Männlichen und Weiblichen in jedem Menschen, die vollendete Androgynität, versinnbildliche und dessen inneres Bild darum nicht wie das des patriarchalischen jüdischen Gottes krank macht, sondern heilt und ganz macht. »Nie war mir«, schreibt Alt, »die Unvereinbarkeit des alttestamentlichen Richter-Gottes und des Liebes-Gottes Jesu so klar vor Augen gestanden [...].« »Im alten Testament steht Gott meist für den allmächtigen Patriarchen; Jesu &Mac221;Abba&Mac220; ist der mütterlich-liebende Vater. Der eine hat mit dem anderen nichts zu tun.« »Jede Harmonisierung und Vermischung des Gottesbildes Jesu mit dem patriarchalischen Richter-Gottesbild des Alten Testaments ist Gift für die lebendige Religion.« Wieder und wieder betont er, als könne er den Leser durch stereotype Wiederholung auf seine falsche Wahrheit einschwören: »Dies ganz neue Gottesbild Jesu hat mit dem vorherrschend militanten alttestamentlichen Gott nichts mehr zu tun.« Schließlich wird dieser Feststellung von der absoluten Unvereinbarkeit des »Jüdischen« und des »Jesuanischen«, des jüdischen Intellekts und des Geistes, auf den Jesus sich beruft, auch noch die passende völkische Wendung gegeben: »Ägypter, Griechen, Germanen, Inder und Römer«, heißt es, »verehrten den Geist, die Seele, den Atem, den Hauch als göttliches Prinzip. Die alte griechische Erkenntnis: &Mac221;Es ist der Geist, der sich den Körper baut&Mac220;, wird von Jesus durch seine Gleichnisse vom Samen und Wachsen bestätigt. Jeder und jede trägt das eigene Idealbild von sich in sich.«[xvii] Ägypter, Griechen, Germanen, Inder und Römer – da schwingt wieder die völkische Mär von den wurzelechten Indo-Ariern und ihrem vermeintlich ewigen Gegenbild mit.

Aber nicht nur soll das Gottesbild Jesu mit dem Gott seiner Väter nichts mehr zu tun haben. Dieser Gott soll auch derjenige sein, der Jesus opfern muß, um das Neue, das mit ihm in die Welt gekommen ist, zu vernichten. »Unter Verletzung aller Gefühls- und Wertfunktionen ist aus Gott ein unerträgliches Patriarchenungeheuer geworden, der das Blut des eigenen Sohnes opfern muß«, empört sich Alt: »Mit einem Gott, der zur &Mac221;Vergebung unserer Sünden&Mac220; einen geliebten Menschen ermorden lassen muß, möchte ich nichts zu tun haben. Ein Gott, der von Eltern die Ermordung ihrer Kinder verlangt, ist ein Monster.« Klar, daß die von ihrem »krankmachenden Gottesbild« beherrschten Juden, nachdem sie Jesus aus dem Weg geräumt haben, sich daran machen, die »lebendige Religion«, die Jesus vorgelebt hat, mit dem »Gift« ihres krankmachenden Geistes zu infiltrieren und »judenfreundlich« umzugestalten. Unausweichlich die Folge, daß »&Mac221;das Christentum nie wirklich aus dem Schatten des Judentums herausgetreten [ist]. Das ist seine Schuld. Das ist seine Tragik, das ist sein Existenzproblem.&Mac220; Das ist der Grund, weshalb wir heute noch einmal neu mit Jesus anfangen müssen. [...] Die Evangelien sind nicht judenfreundlich. Wer sie dazu machen will, muß sie abschaffen. [...] Sie sind jesusfreundlich, judenkritisch und grundsätzlich kirchenkritisch.«[xviii]

Hat Alt auf diese Weise den Schuldigen für die Misere, in der das Abendland bis heute steckt, in falscher Konkretion erst einmal beim Judentum gefunden, ergibt sich die Lösung für die Misere wie von selbst. Das Christentum und jeder einzelne Christ muß eben entgiftet, d. h. vom Judentum gereinigt werden: »Jede Harmonisierung und Vermischung des Gottesbildes Jesu mit dem patriarchalischen Richter-Gottesbild des Alten Testaments ist Gift für lebendige Religion.«[xix] Deshalb sei es »für Christen absolut unmöglich, das alte Testament weiterhin als Heilige Schrift und Grundlage des Glaubens anzuerkennen.«[xx] »Also: Neuer Wein in neue Schläuche! Keine Vermischung!« Auch Jesus habe es so gehalten. »Den Patriarchengott Jahwe, den die Juden kannten, nahm Jesus gar nicht in den Mund.«[xxi] Gelingt die Selbstreinigung nicht, wird das vom Judentum und seinem Gottesbild herrührende und aufrechterhaltene Vergeltungsdenken nicht endlich aufgegeben, nehme die Geschichte des religiös verbrämten Verbrechens kein Ende: »Die Geschichte, auch und gerade die Geschichte des [jüdisch infiltrierten, H. G.] Christentums, ist voller Beispiele dafür, daß noch die größten Verbrechen religiös verbrämt wurden. Religion als Tünche benutzen und benutzten auch Hitler und Chomeini, Ghaddafi und Pinochet, Begin und Arafat.« Schließlich drohe das Schlimmste, ein globales Auschwitz: »So wie Himmler Europa &Mac221;judenfrei&Mac220; machen wollte, so können die Atombomben die Welt irgendwann &Mac221;menschenfrei&Mac220; machen.«[xxii]

Wenn Alt schon nicht umhin kann, zuzugestehen, daß der industriell betriebene Massenmord am jüdischen Volk ein ungeheures Verbrechen ist, so muß er doch wenigstens so ganz nebenbei den Opfern zu verstehen geben, daß sie auch nicht besser seien, auch wenn er dazu einen sachlich falschen Vergleich bemühen muß. Zwar werden dadurch die Untaten der deutschen Täter und Mitmacher als solche nicht gerechtfertigt, aber doch relativiert. Wenn die Opfer selber auch nicht besser sind, so die »Rechnung«, die solchem Vergleich stillschweigend zugrunde liegt, dann hat man sich im Endeffekt nichts vorzuwerfen. Alle Schuld geht im vermeintlichen quid pro quo auf. Doch wenn's um Juden geht, reicht solch falsche Aufrechnung zum schlechten Ende noch nicht einmal aus. Als erklärter »universaler Sündenbock«, dessen Denken Gift sei, darf »der Jude« nicht unschuldig sein, auch dort nicht, wo er selbst Opfer ist. Das sieht Alt sowohl in bezug auf die nationalsozialistische Massenvernichtung der europäischen Juden als auch in Bezug auf den drohenden atomaren Holocaust so. »Jüdisches Vergeltungsdenken«, »männlich-jüdische Arroganz«, von den Juden herkommender »religiöser Nationalismus«[xxiii], nicht etwa Herrschaftsverhältnisse und Menschen, die sich um ihres »lieben Friedens« und Vorteils willen mit diesen Herrschaftsverhältnissen identifizieren, tragen letztlich die Schuld an dem Verhängnis, daß »das Neue«, die Welt der Liebe jenseits allen Zwanges oder der Abglanz davon, sich bislang nicht hat durchsetzen können. Die nationalsozialistische Massenvernichtung der europäischen Juden aber sei letztlich nur eine, wenngleich die bislang schlimmste Konsequenz dieses Verhängnisses jüdischen (Vergeltungs-) Denkens gewesen. Also sind, folgt man solchen Gedankengängen und ihren Unterstellungen, die Juden an dem Unheil, das über sie gekommen ist, letztendlich selber schuld. Sie sind Opfer des jüdischen Denkens geworden. Die Mörder und ihre Ideologen sind fein heraus, hatten sie doch in ihrer Propaganda ihre Maßnahmen stets als Vergeltung und Rache – nach Alt etwas zutiefst Jüdisches – dargestellt und legitimiert.

Was Alt wohl nicht bemerkt: Er tut all das, was er in der Welt bekämpft und worüber er selbst glaubt, hinausgekommen zu sein.

Erstens: Er glaubt, über das Vergeltungsdenken, über Schuld und Sühne, hinausgekommen zu sein, aber zu seinem »Darüber-hinaus-gekommen-sein« braucht er jemanden (den Juden), dem er das Vergeltungsdenken vergelten und den er für die Verstrickung aller in den universalen Schuldzusammenhang schuldig sprechen kann. Damit fällt er nur um so tiefer ins Vergeltungsdenken zurück, dem er sich entronnen wähnt. In falscher Konkretion wirft er alles Unrecht und alle mörderische Gewalt auf das Judentum, das jüdische Denken und den jüdischen Gott. Wenn es auch anderswo das Negative, das er mit dem Judentum identifiziert, Patriarchat und Unterdrückung, Rache und Vergeltung gab, so ist das für ihn doch nicht der Rede wert. Das Judentum und »der Jude« sind und bleiben das Paradigma und der Extremfall für all dies Negative und als Paradigma auch immer der eigentlich Schuldige.

Zweitens: Er will den dualistischen Gegensatz von männlich und weiblich, von Ich-Bewußtsein und kollektivem Unbewußten überwinden und glaubt sich als »neuer Mann« auch schon – wenigstens ein Stück weit – darüber hinaus und eins mit dem ganzheitlichen, integrierten Selbst. Aber er braucht, um sich seines »Darüber-hinaus-seins« und »Eins-seins« zu vergewissern, den dualistischen Gegensatz zum »nicht-integrierten«, dem wahren Selbst entfremdeten Menschen, für den abermals »der Jude« und sein überkommenes Denken als Paradigma steht. Damit fällt er in den Dualismus mit dem »guten Gewissen« des vermeintlich daraus Entronnenen zurück. Jesus wird ihm zum Modell für den dualistischen Gegensatz zwischen dem mit sich eins-seienden, ganzheitlichen »neuen Menschen« und dem uneinheitlichen, aus den dualistischen Gegensätzen noch nicht erlösten Menschen. Entsprechend unterscheidet er zwischen dem Jesus, der noch seiner jüdischen Tradition verhaftet ist, und dem Jesus, der sich – von Frauen lernend – davon befreit hat und mit ihr bricht, zwischen Jesus, dem Juden, und Jesus, dem Nichtjuden. Jenem werden all die negativen Eigenschaften zugeschrieben, die nach Alt nun mal zum Judentum und zu jedem Juden als solchem gehören: »männlich-jüdische Arroganz«, »Größenwahnsinn«, »religiös-nationalistische Verengung«[xxiv]. Dieser, mit dem Alt als »neuer Mann« sich identifiziert, wird als die Befreiung von all dieser »männlich-jüdischen Verengung«, als die Negation des Nega?tiven gefeiert. »Mit dieser neuen ganzheitlichen Spiritualität«, so Alt, »hatte der Jude Jesus aufgehört, Jude zu sein, er war &Mac221;Bürger&Mac220; im Reich Gottes geworden.«[xxv]

Drittens: Um diese dualistische Konstruktion mit ihrer antijüdischen Ausrichtung durchzuhalten, muß Alt freilich ein weiteres Mal tun, was er dem Judentum vorwirft: das Leben und die Lehre Jesu durch einseitige Auslegung und Außerachtlassung wesentlicher Komponenten verfälschen. So betont er, wenn er sich auf die Seligpreisungen der Bergpredigt beruft, immer nur den Gegensatz, in dem sie zum überkommenen Gesetz stehen, betont den Bruch, den sie bedeuten. Jesu Dialektik, stellt er ausdrücklich heraus, heißt: »Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt wurde, ich aber sage euch ...«, vergißt aber die entgegenstehenden Stellen[xxvi], die sagen, daß er, Jesus, nicht gekommen sei aufzulösen, sondern zu erfüllen. Die Dialektik Jesu, von der Alt spricht, liegt nicht allein in dem Bruch mit dem Gesetz, den er mit Recht herausstellt, weil Jesu Leben ja tatsächlich die Durchbrechung des Unheilszusammenhanges ist, den das alte Gesetz zusammenschloß,[xxvii] sondern liegt in der Einheit von Gesetzesbruch und Gesetzeserfüllung, darin, daß nur, indem Jesus das Gesetz bricht, es seine Erfüllung findet und nur durch seine vorbehaltlose Erfüllung ein »Darüber-hinaus« möglich ist. Diese Dialektik, auf die Marx und Engels mit der Idee des Umschlags von Quantität in Qualität Bezug nehmen, wäre zu verstehen, will man dem Leben und der Lehre gerecht werden. Adorno macht das am Tausch, dem grundlegenden Organisationsprinzip der Warengesellschaft, dem Gesetz der modernen Welt und der Fortsetzung des »alten Äons« zugleich klar: »Die Konvergenz totalen Fortschritts in der bürgerlichen Gesellschaft [...] mit der Negation von Fortschritt entspringt in ihrem Prinzip, dem Tausch. [...] Die Wahrheit der Erweiterung zehrt von der Lüge der Gleichheit. Wo die bürgerliche Gesellschaft dem Begriff genügte, den sie von sich selbst hegt, kennt sie keinen Fortschritt; wo sie ihn kennt, frevelt sie gegen ihr Gesetz [...], und verewigt mit der Ungleichheit das Unrecht, über das der Fortschritt sich erheben soll. Es ist aber zugleich die Bedingung möglicher Gerechtigkeit. Die Erfüllung des immer wieder gebrochenen Tauschvertrages konvergierte mit dessen Abschaffung; der Tausch verschwände, wenn wahrhaft Gleiches getauscht würde; der wahre Fortschritt dem Tausch gegenüber nicht bloß ein Anderes sondern auch dieser, zu sich selbst gebracht. So dachten die Antipoden Marx und Nietzsche.«[xxviii]

Wie Alt das Leben und die Lehre Jesu durch einseitige Auslegung und Außerachtlassung von Textstellen, die nicht in sein vorgefertigtes Schema passen, verfälscht, möchte ich am Beispiel der Begegnung Jesus' mit der Samariterin demonstrieren. Für Alts Jesus-Verständnis ist diese Geschichte wichtig, weil sie seiner Meinung nach zeigt, daß Jesus sich im Laufe der Begegnung von einem »männlich arroganten« Juden zu einem »Nicht-mehr-Juden« emanzipiert, der der weiblichen Anteile seines Wesens, der Anima, bewußt geworden ist und sie zu integrieren gelernt hat, und daß der Anstoß hierzu von der Frau und Nicht-Jüdin ausgeht. Indem Jesus sich ihr öffnet und von ihr lernt, kann er sich nach Alt aus der Enge seines Judentum befreien. Er legt die Geschichte so aus, als sei Jesus zunächst der typische »männlich arrogante«, »religiös-nationalistisch verengte«, »größenwahnsinnige« Jude, der sich sogar zu der Behauptung versteigt, »das Heil kommt von den Juden«[xxix], der dann aber, von der »nicht-jüdischen Frau« inspiriert, dazulernt, sein Gottesbild überprüft und schließlich den »jüdischen Gott« überwindet. Tatsächlich aber spricht der Text eine andere Sprache. Er läßt Alts Interpretation eher als falsche Projektion seiner heftigen Abneigung gegen das Judentum, die ihm den Gedanken, das Heil könne von den Juden ausgegangen sein, unerträglich macht, und als Verbeugung vor der Frauenbewegung erscheinen denn als Wahrheit. Denn dem Text zufolge ist es nicht, wie Alt behauptet,[xxx]  der Jude Jesus, der aus nationalistischer Überheblichkeit die Gemeinschaft mit der nicht-jüdischen Frau verweigert, sondern sie. Denn sie sagt, was freilich Alt wegen seiner Idealisierung des unterdrückten Weiblichen so gar nicht in den Kram paßt: »Wie bittest Du von mir zu trinken, der Du ein Jude bist, und ich ein samaritisch Weib? Denn die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern.«[xxxi] Er hingegen versucht schon mit seiner ersten Reaktion, und nicht erst nach einem von der Frau initiierten Lernprozeß die Trennung und das von der Frau ihm angesonnene Verhältnis wechselseitiger Ausschließung zu überwinden, indem er die allen Menschen innewohnende »Gabe Gottes« beschwört: »Wenn Du erkenntest die Gabe Gottes« — ein Halbsatz, den Alt in seinem Zitat wegläßt, um die dann folgende Hälfte um so leichter als »männlich-jüdische Arroganz« abqualifizieren zu können — »und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken! Du bätest ihn und er gäbe dir lebendig Wasser.«[xxxii] Was darauf folgt, ist eine dialogisch erfolgende Explikation dessen, worin die Gabe Gottes besteht, und die Antwort darauf, wer er ist, nicht aber, wie Alt meint, ein Lernprozeß, in dem Jesus sein anfängliches Gottesbild, das von der »Gabe Gottes«, überwindet. Die Explikation endet mit der Feststellung, daß er der Messias ist und daß die Gabe Gottes, die er verkündet, »der Geist [ist], der Gottes Wahrheit enthüllt, [und] Menschen befähigt, den Vater an jedem Ort anzubeten,«[xxxiii] und eben nicht nur ausschließlich im Tempel in Jerusalem oder auf dem Berge, auf dem die Samariter ihn anbeten. Jesus sprengt damit die von der samaritischen Frau gegen ihn, den Juden, zuvor errichtete Grenze. Er sprengt überhaupt jedes Verhältnis exklusiver Ausschließlichkeit und inspiriert die Frau, es ihm nach zu tun: Gott ist nicht mehr nur der Gott der Juden, auch nicht nur der Samariter; »er ist Geist, zeitlos ewig, ein Gott für alle.«[xxxiv] Damit ist freilich für Jesus, anders als Alt es will, die unmittelbar vorangehende Äußerung: »das Heil«, d. i. die Erkenntnis der Gabe Gottes, »kommt von den Juden«, durchaus vereinbar. Jesus, der diese Gabe verkündet, ist selber ein bewußter Jude, der weiß, daß die Erkenntnis der Gabe Gottes bei den Juden (Mose) seinen Anfang nahm mit dem Glauben an einen Gott, und der sich selber mit der Verkündigung des einen Gottes für alle nur als die Erfüllung dieses Anfangs sieht. Mit der Erfüllung wird die jüdische Tradition freilich zugleich auch gebrochen und darüber hinausgegangen; ohne diesen Bruch keine Erfüllung, auch das weiß Jesus. Jesus bleibt also Jude. Es ist seinem Selbstverständnis nach kein Widerspruch zwischen seiner Verkündigung, mit der er das Verhältnis des wechselseitigen Ausschlusses und des damit verbundenen Kampfes um die Vorherrschaft zu sprengen versucht, und der Tatsache seines »Jude-seins« sowie seiner Äußerung: »Das Heil kommt von den Juden.« Gerade weil er die trennenden Grenzen, das Verhältnis wechselseitigen Ausschlusses zwischen den Menschen, das aus Unterschiedenem Unvereinbar-Gegensätzliches macht, sprengt, kann er Gemeinschaft mit der Samariterin haben und zugleich von ihr unterschieden sein und sie verschieden sein lassen. Die Gemeinschaft, die er verkündet, ist keine, die durch gewaltsame Abstraktion von allem Verschiedenen und Individuell-Besonderen zustande kommt wie die unterm Gesetz des Kapitals, der modernen Fortsetzung des alten Äons. Sie ist eine Gemeinschaft, die gekennzeichnet ist durch Bewahrung und Aufhebung des Individuell-Besonderen im Allgemeinen, eine Gemeinschaft, in der kein Besonderes ausgeschlossen ist, nicht einmal der nicht bekehrte Jude, den Alt als das Gegenstück des »neuen Menschen« so sehr ablehnt und mit allem Negativen belehnt. In ihr herrscht keine neue Norm, auch nicht die der Integration, Ganzheitlichkeit und Androgynität, sondern überhaupt keine, weil sie als die vom Zwang und Opfer befreite Welt eben solcher Normierungen nicht mehr bedarf, auch nicht und erst recht nicht solcher Normierungen, die sich wie die Norm der Androgynität unter dem Deckmantel, sie sei nun endlich die »wahre« oder die Erfüllung, als Norm verleugnen.

Allein, daß Alt das Leben und die Lehre Jesu verzerren muß, um seinen Dualismus von »jüdisch« und »nicht-jüdisch« mit seiner eindeutigen Verteilung von »böse« und »gut« auf jede der beiden Seiten durchzuhalten, ist noch nicht genug. Er muß dasselbe auch mit der jüdischen Tradition und den anderen, nichtjüdischen machen. Was er über diese sagt, sind durchweg Halbwahrheiten, und Halbwahrheiten sind bekanntlich immer falsch.

Erstens: Falsch ist es, wenn er den »jüdischen Gott« als bloßen »Richter- und Rachegott« darstellt und dadurch den Eindruck erweckt, Jesu Anrede Gottes »Abba«, »liebender Vater«, signalisiere schon die Abkehr vom jüdischen Gott. Denn auch für das Judentum ist und war Gott immer schon neben dem gerechten Richter auch der liebende Vater. Oder gibt es etwa nicht das »Hohelied der Liebe« oder das »Hohelied der Barmherzigkeit Gottes« (Ps. 103)[xxxv]? Durchaus gebräuchlich war auch die Anrede »Vater« im jüdischen Umfeld Jesu, und sie ist bis heute im Judentum gebräuchlich.

Zweitens: Falsch ist es, aus der Tatsache, daß Jesus »den Patriarchengott Jahwe« gar nicht in den Mund nahm, auf seine Abwendung vom Judentum zu schließen. Es ist gerade umgekehrt ein Zeichen der Treue zur jüdischen Tradition, war es doch den Juden verboten, den Namen ihres Gottes, des Nicht-erfaßbaren, Nicht-identifizierbaren in den Mund zu nehmen. Auch die Erwartung des »Reiches Gottes«, das Jesus in der Bergpredigt mit seinen Seligpreisungen herbeizudrängen sucht, ist originär jüdisch (s. Jesaja). Das »Vater unser«, Inbegriff des christlichen Selbstverständnisses, ist, weit davon entfernt, einen Gegensatz zum Judentum zu bilden, viel eher ein Kompendium jüdischer Glaubenszeugnisse.[xxxvi]

Drittens: Falsch ist es ferner, den »jüdischen Gott« als einen nur gewalttätigen Patriarchen, ein »unerträgliches Patriarchenungeheuer« darzustellen, der alles Weibliche bedingungslos unterdrückt, sich gewissermaßen am Opfer des Weiblichen in jedem Menschen nährt. Dieses Bild unterschlägt, daß der »Gott der Juden« sich von Anfang an jeder Definition seiner selbst versagt, jeder begrifflichen Zurichtung, die es der Macht ermöglicht, in seinem Namen Menschen abzurichten. Das Verbot, Gott beim Namen zu nennen, will ja gerade das Bewußtsein dafür wachhalten, daß Gott keinem Begriff und keiner Unterscheidung, auch der zwischen Weiblichem und Männlichem nicht, sich fügt, mit keiner Abstraktion, wie sehr sie die Menschen auch beherrschen möge, je identisch ist. Als der, der mit keinem zu- und abrichtenden Begriff je identisch ist, der absolut Nicht-subsumierbare, ist er immer auch das mit dem Gegebenen Nichtidentische, unter ihm Leidende, von den »Gegebenheiten« Unterdrückte.

Viertens: Unerträglich ist es, wenn Alt den »jüdischen Gott« zu einem Gott entstellt, der aufs Menschenopfer versessen ist und deshalb »das Blut des eigenen Sohnes opfern muß«, zu einem Gott, »der &Mac221;zur Vergebung unserer Sünden&Mac220; einen geliebten Menschen ermorden lassen muß« und der »von Eltern die Ermordung ihrer Kinder verlangt«, und wenn er mit diesem Gott dann auch noch, unmittelbar nachdem er zuvor nochmals auf »die Absurdität eines jüdischen, jedes nationalistischen Gottes« hingewiesen hat, die Massenmorde im 20. Jahrhundert in Zusammenhang bringt: »Noch in diesem 20. Jahrhundert schlachteten sich Millionen nationalistisch gesinnter Christen gegenseitig ab. Auf dem Koppel der Deutschen Soldaten stand noch im Zweiten Weltkrieg: &Mac221;Gott mit uns&Mac220;.«[xxxvii]

Nichts davon ist wahr außer der letzten Feststellung, aber auch sie dient nur der Lüge. Absolut falsch ist die Unterstellung, der »jüdische Gott« verlange nach Menschenopfern. Die Geschichte des Beinahe-Opfertodes Isaaks durch Abraham, die Alt als Beweis für seine These anführt, sagt genau das Gegenteil, nämlich daß der »jüdische Gott« das Menschenopfer nicht will, daß er diejenigen, die an ihn glauben, ein- für allemal davon befreit hat. Sie ist ein mythisches Bild für die Emanzipation von der Opferreligion und dem realen Zustand archaischen Mangels, der zum Überleben des Kollektivs möglicherweise einst zum Menschenopfer zwang, ein Bild für den Beginn »der Geschichte der Zivilisation«, von der Adorno sagt, sie sei »die Geschichte der Introversion des Opfers. Mit anderen Worten: die Geschichte der Entsagung«, in der jeder Entsagende aus gesellschaftlich bedingter Not mehr von seinem Leben gibt als ihm je zurückgegeben wird, »mehr als das Leben, das er verteidigt,«[xxxviii] und die doch all der überflüssigen Opfer bedürfe: als »Opfer für die Abschaffung des Opfers.«[xxxix] Undenkbar seitdem für jeden Juden der Gedanke, daß der gerechte und barmherzige Gott ein Menschenopfer, gar noch das Opfer seines eigenen Sohnes fordern könnte. Völlig haltlos ist deshalb auch der Versuch, den Kreuzestod Jesu als Wiederholung des Beinahe-Opfertodes Isaaks aufzufassen, »so, als habe Gott Jesus als Opfer gewünscht wie früher schon Isaak – nur daß Gott damals eingriff und den Mord verhinderte, aber bei Jesus nicht,«[xl] und dann erzürnt über diesen jüdischen »Monster«-gott herzufallen. Die Theologie des Sühneopfers kommt nicht von den Juden, sondern von den frühen Christen (Paulus). Sie löst das Problem, wie der Tod Christi zu verstehen und in der Welt weiterzuleben sei, wo doch die verkündete Ankunft des Reiches Gottes, das Jesus vorzuleben versucht hatte, ausblieb; löst das Problem, wie man als Christ inmitten des bestehenbleibenden Unheilszusammenhanges an ihm teilhaben und sich zugleich dennoch erlöst fühlen kann. Die positive Lösung dieses Problems in Gestalt der Sühneopfertheologie ist der religiöse Ursprung des christlichen Antijudaismus. »Die Anhänger der Vaterreligion werden von denen des Sohnes gehaßt als die, welche es besser wissen. Es ist die Feindschaft des sich als Heil verhärtenden Geistes gegen den Geist. Das Ärgernis für die christlichen Judenfeinde ist die Wahrheit, die dem Unheil standhält, ohne es zu rationalisieren und die Idee der unverdienten Seligkeit gegen den Weltlauf [...] festhält.«[xli] Ist also ohnehin schon falsch, was Alt zur »Opfertheologie« ausführt – und als »gelernter Theologe« müßte er dies eigentlich wissen –, werden seine Ausführungen schließlich ganz unerträglich, wenn er seine tendenziöse Konstruktion vom nationalistischen jüdischen Opfergott dann auch noch mit dem Massenschlachten im Zweiten Weltkrieg in Zusammenhang bringt.

Alts Interpretation von Jesus ist nur eine Neuauflage des Jungschen Antisemitismus und des christlichen Anti-judaismus. Hieß es bei Jung seinerzeit, keine Verwischung[xlii] – jede Verwischung ist »Gift« für die »im Innersten anständigen Menschen«[xliii], so bei Alt 1989 beinahe gleichlautend: »Keine Vermischung« – »jede Vermischung ist Gift für lebendige Religion.«[xliv] Über diese grundlegende Identität kann auch nicht die Tatsache hinwegtäuschen, daß es bei Jung psychologisch und »rassistisch« klingt, bei Alt dagegen theologischer, bei dem einen als Gegenbild zum »falschen Juden« entsprechend das Germanentum bei dem anderen »Jesus, der Nicht-jude« erscheint. Der Bezug auf das Germanentum ist ja auch bei Jung kein dem Paradigmenkern seiner Lehre notwendig zugehöriger Bestandteil, sondern in Wirklichkeit nur ein der seinerzeit herrschenden Ideologie angepasstes und der herrschenden Machtclique genehmes und darauf wohl auch berechnetes, opportunistisches Bild für die abstrakte Negation des Unheils des Weltumlaufs, das er im Juden, der »schwärenden Wunde«[xlv] der Welt, bekämpft. Es hat die Funktion, die abstrakte Negation als konkrete positive Realität erscheinen zu lassen. Als solches ist es mit den veränderten politischen Gegebenheiten und Bewegungen durch andere Bilder ersetzbar. Von denen sind ja zur Zeit verschiedene im Umlauf: das Indianertum, das Keltentum, der androgyne Mensch, Jesus, der Nicht-jude, der ostasiatische Meister etc. In dieser Hinsicht, im Ausmalen der abstrakten Negation, als sei sie positive Realität, ist die Lehre Jungs flexibel und angepasst durch Wendigkeit. Alt nutzt diese Wendigkeit, um dem in ihr angelegten Dualismus eine zeitgemäße Wendung zu geben.

Wie Jung versucht Alt, sich aus der überwältigenden Not des unbewältigten Dualismus von (menschlicher) Natur und gegen die (menschliche) Natur verselbständigten Geist dadurch zu retten, daß er den Dualismus auf den Juden wirft. Indem er den Dualismus dort bekämpft, kann er sich selber vormachen, von ihm im wesentlichen frei zu sein und wie Jung von einer »höheren Einheit« zu wissen, einer der Natur innewohnenden »göttlichen«, kosmischen Ordnung, deren Bestimmungen, obgleich durchs Denken vermittelt, mit der Natur ganz eins sind. »Der Jude« als der historisch gewordene »Archetypus« des Nichtidentischen, Verschiedenen erinnert aber immer wieder daran, daß Einheit und Ganzheit nicht ist, erinnert auch an das Nichtidentische im eigenen Selbst, an die Qualen, die der Weg erzwungener Integration gekostet hat, an all das eben, woran der vermeintlich Einsgewordene wegen des mühsam erreichten inneren Zusammenhalts gerade nicht erinnert werden möchte. Das gilt ebenso für das Judentum, das unbeirrt daran festhält, daß die Welt die versprochene erlöste und heile nicht ist und aus dem ihr immanenten Zwangsfortschritt heraus allein dazu auch nicht werden kann. Die Wahrnehmung »des Juden« ist für Alt deshalb ein Ärgernis und eine Provokation zugleich. Schon deshalb muß »dem Juden« von ihm, der doch meint, übers »jüdische Vergeltungsdenken« hinausgekommen zu sein, entgolten werden. Mag Alt auch glauben, durch Jung zur »lebendigen Religion« gefunden zu haben, die nicht »Opium«, sondern »Dynamit« ist, so vergißt er doch, daß auch Dynamit als »Opium des Volkes« fungieren kann und die Verbindung von Religion und Dynamit, wenn sie zudem noch mit einer unmittelbaren Schuldzuweisung verbunden ist, noch niemals in der Geschichte der Menschheit zu etwas Gutem geführt und zur Emanzipation der Menschen aus dem alten Herrschafts-, Unrechts- und Schuldzusammenhang beigetragen hat. Solches Denken führt aus solchen Zusammenhängen, auch wenn es sich als »neu« verkauft, nicht hinaus, sondern immer wieder nur noch tiefer hinein.

Alt berichtet von einem Traum, in dem ein Mann auf schwieriger, steil ansteigender Wegstrecke sich einen Sack über den Kopf stülpt, damit sein inneres Auge offen ist und er vom schwierigen Weg, der ja sonst ohne Aussicht wäre, nicht abkommt. Und siehe da: »Grüne Landschaft wird sichtbar, der Weg ist ebener.«[xlvi] Alt sieht darin einen Wahrtraum, der nur die Richtigkeit dessen bestätigt, was er tut und in seinen Schriften als Weg zum Heil allen nahelegt. Tatsächlich ist es aber wohl nur ein Wunschtraum. Der Träumer erfüllt sich in der Traumphantasie seinen innigen Wunsch, er möge mit dem, was er tut, nämlich von den realen gesellschaftlichen Gegebenheiten abzusehen, recht behalten, und es möge ihm zum Heile gereichen. Es spricht von nagenden Zweifeln, wenn es solch kompensatorischer Wunscherfüllungen bedarf. Als Wunschtraum ist er in gewissem Sinne zugleich aber auch ein »Wahrtraum«, insofern er zutreffend wiedergibt, was der Träumer, mit dem Alt sich offensichtlich identifiziert, macht: Er negiert die zum »An-sich« verkehrten sozialen Tatsachen und nimmt nichts mehr wahr, was den so erzeugten »inneren Frieden« stören könnte. Für Alt ist die Religion trotz aller gegenteiligen Beteuerungen »Opium«. Mag er noch so sehr betonen, er sehe »die Religion als Dynamit, und nicht als Opium«[xlvii], so zeigt das doch nur, daß er sich nicht darüber im klaren ist, daß auch Dynamit als »Opium des Volkes« fungieren kann. Zu diesem Opium gehört bei Alt seine Gegensatzkonstruktion von »Jüdisch« und »Nichtjüdisch«, die alles über diesen einen Leisten schlägt, und der darin angelegte Antijudaismus als eine, so Jung 1936, »psychologische Finesse«[xlviii] dazu. Der Kampf dagegen ist mittelbar der Kampf gegen jene Welt, die solchen Opiums bedarf. »Die individuelle und gesellschaftliche Emanzipation von Herrschaft ist die Gegenbewegung zur falschen Projektion.«[xlix]

5.2         Die mißbrauchte Kraft des Guten – zur Entsorgung der Vergangenheit im New Age

5.2.1      Zur Aneignung rechter Topoi durch die Linke

[i]               F. Alt, Jesus – der erste neue Mann, München, Zürich 1989, S. 16

[ii]              ibd., S. 17 ff.

[iii]             C.G. Jung, G.W. 11, S. 362

[iv]             Siehe F. Alt (Hg), Das C.G. Jung Lesebuch – Ausgewählt von Franz Alt, Frankfurt a. M. 1986, Vorwort, S. 10

[v]              ibd., S. 11 f.

[vi]             ibd., S. 9

[vii]            Vgl. dazu Th. W. Adorno 1966, S. 256 ff.; und oben den Abschnitt »Not, Zwang, Schicksal und Determination als Voraussetzung menschlicher Selbstentfaltung« (im Kapitel 2.2.4)

[viii]           C.G. Jung 1941/1945, in: ders., Grundwerk C.G. Jung, Bd. 1, S. 62, 66

[ix]             Jesaja, Kap. 43, 18 f.

[x]              Jesaja, Kap. 65, 17

[xi]             Matthäus, Kap 5, 17 - 19

[xii]            Siehe F. Alt 1989, S. 16

[xiii]           ibd., S. 131

[xiv]           F. Alt, Frieden ist möglich. Die Politik der Bergpredigt, München 1983, S. 71

[xv]            ibd., S.26, 25

[xvi]           F. Alt 1989, S. 120

[xvii]          ibd., S. 118, 120, 121, 138

[xviii]         ibd., S. 118, 121

[xix]           ibd., S. 118

[xx]            H. Wolff 1981, zit nach F. Alt 1989, S. 189

[xxi]           F. Alt 1989, S. 120, 122

[xxii]          F. Alt 1983, S. 74, 12

[xxiii]         F. Alt 1989, S. 67 f., ders., 1983, S. 12 und S. 25 ff.

[xxiv]         Alle diese Askriptionen verwendet Franz Alt zur Charakterisierung des Juden Jesus, der über sein Judentum noch nicht hinausgekommen ist. Siehe F. Alt 1989, S. 67

[xxv]          F. Alt 1989, S. 131

[xxvi]         Siehe Matthäus, Kap. 5, 17 - 19; Kap. 16, 12 (s. o. S. 24)

[xxvii]        Siehe Matthäus, Kap. 9, 17 - 18

[xxviii]       Th. W. Adorno, Fortschritt, in: ders., Ges. Schriften 1977, Bd. 10.2, S. 63. Hervorhebung – H. G.

[xxix]         Johannes, Kap. 4, 22

[xxx]          Siehe F. Alt 1989, S. 68

[xxxi]         Johannes, Kap. 4, 9

[xxxii]        Johannes, Kap. 4, 10 - 11

[xxxiii]       Johannes, Kap. 4, 23 - 24, zit. nach F. Alt 1989, S. 68

[xxxiv]       F. Alt 1989, S. 68

[xxxv]        Dort heißt es: »Er handelt nicht mit uns nach unseren Sünden und vergilt uns nicht nach unserer Missetat. Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, läßt er seine Gnade walten, [...] wie sich ein Vater über seine Kinder erbarmt, so erbarmt sich der Herr über die, die ihn fürchten.«

[xxxvi]       Vgl. M. Brumlik, nach einem Artikel im Stern, H. 1/1992, S. 33

[xxxvii]      Alle Zitate aus: F. Alt 1989, S. 120, 118, 67, 67 f.

[xxxviii]     Horkheimer, Th. W. Adorno 1944/1969, S. 51 f.

[xxxix]       ibd., S. 52

[xl]            F. Alt 1989, S. 118

[xli]            Siehe Th. W. Adorno, Horkheimer 1944/1969, S. 161

[xlii]           Siehe C.G. Jung 1933 b, G.W.10, S. 381

[xliii]          C.G. Jung 1934 a, G.W.10, S. 192, 193

[xliv]          F. Alt 1989, S. 120 und S. 118

[xlv]           Siehe C.G. Jung 1934 b, G.W.10, S. 588

[xlvi]          H. Wolff, zit. nach F. Alt 1989, S. 157

[xlvii]         F. Alt 1986, S. 10

[xlviii]        C.G. Jung 1936 in G.W.10, S. 205. Dort heißt es: »Auf alle Fälle ist die Koinzidenz von Antisemitismus und Wotanserwachen eine psychologische Finesse, die vielleicht erwähnt werden darf...«

[xlix]          Th. W. Adorno, M. Horkheimer 1944/1969, S. 179

 



Antisemitismus in der Süddeutschen?

Zitat Leyendecker aus der Süddeutschen
„Terrorismus ist zu allen Zeiten ein Angriff auf die Gesellschaft, und er passiert nicht, weil der Teufel in Personen fährt wie die biblischen Säue. Es entspringt in der Regel der Auflehnung gegen üble Zustände und soll Verhältnisse ändern. Denn auch Fehlentwicklungen sind Entwicklungen" und „Das Netzwerk der islamistischen Terroristen hingegen,  das durch die derzeitige Politik der USA und Israels bedauerlicherweise immer mehr Knoten bekommt, braucht keine Rechtfertigungen mehr".
 
Hierzu soviel:
 
1. warum sind die Säue Leyendeckers "biblische Säue" und nicht einfach nur Säue?
 
2. Der Satz, der Terrorismus 'entspringt in der Regel der Auflehnung gegen üble Zustände und soll Fehlentwicklungen ändern', kann bedeuten: 

a. Der Terrorismus soll die gesellschaftlichen Zustände ändern, denen er entstammt. Dann ist er falsch. Denn der arabisch-islamische Terrorismus will nicht die gesellschaftlichen Zustände und Herrschaftsformen in den Ländern ändern, denen er entstammt, und wenn, dann will er diese so ändern, dass sie sogar noch vernichtender, noch brutaler, noch auswegloser werden. Statt die Zustände zu ändern, projiziert er das Falsche, Zerstörerische der "eigenen" Zustände, die schlechte Form der Herrschaft, auf das liberale Amerika und Israel und bekämpft es dort, wobei dieser Kampf zugleich der Befestigung und der Identifikation mit der angeblich richtigen Herrschaftsform dient, die das Elend hervorbringt, gegen das er angeblich protestiert. Der Terrorismus ist also eine Form der konformistischen Rebellion. Gerade das aber begreift Leyendecker nicht. Er will es wohl auch gar nicht begreifen, weil er dann seine falsche, ihm lieb gewordene Projektion, es seien die Nationen Israel und die USA und ihre Politik für die arabischen Zustände verantwortlich, aufgeben müsste.    
b. Ist der Satz aber (im Sinne Leyendeckers) wahr, also meint Leyendecker, der arabische Terrorismus richte sich gegen die wirklichen Fehlentwicklungen und die wirklichen "üblen Zustände", die ihn hervorgebracht haben, dann muss Leyendecker, wie die Terroristen selbst, die USA und Israel für eine "Fehlentwicklung" halten. Was man mit Fehlentwicklungen, mit "kranken Zweigen" am ansonsten gesunden Baum, macht, ist ja bekannt: sie werden abgeschnitten und verbrannt.  Meint Leyendecker, der süddeutsche Fachmann für Fragen der Entstehung und Rechtfertigung des Terrorismus das? Wenn er fortsetzt, dass der Terrorismus angesichts der Politik der Vereinigten Staaten und Israels keine Rechtfertigung mehr brauche, sondern gewissermaßen immer schon gerechtfertigt ist, drängt sich doch der Gedanke auf, dass er genau das meint. Dann aber wären aus seiner Sicht die USA und Israel eine "Fehlentwicklung" die mit allen, auch terroristischen Mitteln, zu bekämpfen wäre. Wäre dass nicht eine schlimme Form von Antisemitismus, die derjenigen der Terroristen sehr nahe kommt, sozusagen "Schreibtischterrorismus"? 

Leyendecker behauptet (b) sinngemäß, nicht die Verbreitung des militanten politischen Islam und nicht die Mißstände in den islamischen Diktaturen und nicht der islamistische Terror seien schuld an der harten Politik der USA und Israels dem Terrorismus gegenüber, sondern die harte Politik dieser beiden Staaten sei umgekehrt Schuld am islamistischen Terrorismus. Er behauptet das, obwohl es ihm doch bekannt sein könnte, dass der islamistisch motivierte Krieg gegen Israel schon am Mai 1948 angefangen hat und schon damals vernichtungsantisemitisch motiviert war (s. Mufti von Jerusalem) und  der arabische Vernichtungsantisemitismus nicht zuletzt ein Resultat des Exports des eliminatorischen AS aus Deutschland war. 

Ein deutscher Journalist, der sich der Wahrheit verpflichtet fühlte, hätte die  Erinnerung an die Geschichte des Konfliktes und die verhängnisvolle Rolle des antisemitischen Europas in diesem Konflikt immer gegenwärtig zu halten. Denn schließlich gäbe es Israel heute ohne den europäischen AS gar nicht.  Bei Leyendecker ist davon nicht das Geringste zu bemerken. All dies ist nahezu vollständig verdrängt. Er ist, so wie er sich äußert, ein Antisemit oder ein propagandistischer Ignorant, der in einer schlechten deutschen Tradition steht.

Der Chefredakteur der SZ hat sich für die Karikatur a la "Stürmer", die in der Süddeutschen zu sehen war, zwar "entschuldigt", aber so recht abnehmen kann ich ihm die Entschuldigung nicht. Denn was soll eine Entschuldigung, wenn Leyendeecker wenige Tage darauf - nun aber im Text und nicht in einer Karikatur - wieder dasselbe behauptet, wie es zuvor in der Karikatur behauptet wurde, nämlich dass Israel und die USA die Schuld für den Terror tragen, und sich deshalb nicht wundern dürfen, wenn sie in Europa von niemanden gemocht werden?



Professor Heitmeyesr (Bielefeld) Studie über den Zusammenhang zwischen den deutschen Ressentiments gegenüber dem Staat der Juden und dem zunehmenden Antisemitismus

Heute (02.12.2004) wurde in Berlin eine neue Studie vom Prof. Dr. Heitmeyer (Bielefeld) über den Zusammenhang zwischen dem negativen Verhalten der deutschen Öffentlichkeit gegenüber dem Staat der Juden und dem zunehmenden Antisemitismus in Deutschland vorgestellt. Sie bestätigt meine schlimmsten Befürchtungen. Sie haben mich selbst schon vor einige Zeit bewogen, durch Veranstaltungen an der FH und andere Aktivitäten gegen diese Entwicklung einzuschreiten und Gegenkäfte gegen sie zu wecken, wo ich es nur vermag. Ich bitte auch Sie mit Nachdruck, dieser Entwickliung nicht tatenlos zuzuschauen, sondern durch Aufklärung und Kritik einzugreifen.
 
Im Folgenden ein kurzer Überblick über die Ergebnisse der Studie Heitmeyers. Dem Überblick füge ich ein Dokument aus dem "Tagesschauforum " bei. In dem Forum können Tagesschauer Ihre Ansichten über die Tagesschau im Internet austauschen. Das Dokument, das ich herausgegriffen habe, soll Ihnen am Beispiel zeigen, wie die Mehrheit der Deutschen (die 52% der Deutschen, von denen Heitmeyer spricht), die Lage des Judenstaates zur hemmunglosen Rechtfertigung des antisemitischen Ressentiments und zur Verharmlosung der nationalsozialistischen Massenmordes ihrer Väter und Vorväter nutzen und sich dabei noch als Aufklärer und Gutmenschen vorkommen - ganz im Sinne der Massenpropaganda der europäischen Kulturindustrie, die, wie gerade "der Stern" wieder, eine Kampagne "Mut gegen Rechts" fährt und in denselben Heften perfideste antisemitische Ressentiments gegen den Judenstaat anstachelt, die das bekräftigen, was die Deutschen nach der herrschenden Massenpropaganda denken sollen und zu 52% bereits auch denken. Es werden bald aber nicht mehr nur 52% sein, wenn die Widerstandskräfte so schwach bleiben, wie sie es derzeit sind. Es entsteht eine "neue" deutsch-europäische Volksgemeinschaft. Sie braucht den Antisemitismus und Antiamerikanismus als Abgrenzungsmittel, um sich ihrer eigenen "kollektiven Identität" zu versichern, die es nicht gibt. Sie braucht das "Anti-" als den notwendigen Kitt, um falsche Solidarität zu erzeugen und die Bevölkerung bei der Stange zu halten in der kapitalistischen Konkurrenz um die Vormachtstellung in der Welt. Sie ist um dieser Vormachtstellung willen bereit, mit den übelsten antisemitischen Regimen in der Welt sich zu verbinden und ihre Bestrebungen nach Atomwaffen und Trägerraketen, die sich erklärtermaßen gegen Israel richten (Iran), trotz aller gegenteiligen Beteuerungen zu ignorieren und zu schützen. Die Allianzen werden ideologisch im Inneren dadurch gerechtfertigt, dass dem Judenstaat und seine Politik gegen arabische und islamische Organisationen, deren Kernprogramm der  Vernichtungsantisemitismus ist, und dem Konkurrenten USA, der als einziger mächtiger Staat in der Welt bereit ist, die Existenz des Judenstaates zu verteidigen, die Schuld an allen Übeln der Welt, insbesondere am grassierenden Vernichtungsantisemitismus in den islamisch-arabischen Ländern gegeben wird. Sie, die Juden, sind nach der deutschen Mehrheitsmeinung die Täter, die sämtliche Araber vernichten wollen, und diejenigen, die die Vernichtung der Juden auf ihre Fahnen geschrieben, den Gotteseid darauf geleistet haben und sich, wie einst die Nazis, das Heil von der Vernichtung versprechen, die Opfer.
So sahen sich einst auch ihe Väter und Vorväter, die bereitwillge Helfer der Vernichtung waren: als Opfer der Juden, von ihnen ausbeutet, im Inneren zersetzt, unter ihrer internationalen (Finanz)Herrschaft leidend, des "wahren Selbst" beraubt etc. etc. Die Juden waren die wirklichen Täter und deshalb mußten sie von den "Opfern" präventiv aus puren Selbstschutz vernichtet werden. 'Wenn ich mich der Juden erwehre, vollbringe ich das Werk des Herrn' (AH) 
  
Es gilt, hat ein Philosoph, der der Vernichtung entkam, dem Sinne nach gesagt, "alles so einzurichten, das Auschwitz sich nicht wiederholen kann". Das sei der kategorische Imperativ nach Auschwitz. Nicht einmal sechzig Jahre danach ist alles wieder so eingerichtet, dass Auschwitz sich morgen wiederholen kann. Die Möglichkeit des neuen Auschwitz ist nahe gerückt wie nie zuvor. Es wird das Ende sein. Die Welt hat nicht verdient, ein zweites Auschwitz zu überleben.        
 
Heinz Gess                         
 
NEWSLETTER DER ISR. BOTSCHAFT - „Die Hälfte der Deutschen sind der Meinung, dass Israel den Palästinensern das antut, was die Nazis den Juden angetan haben“


Mehr als die Hälfte aller Deutschen (52,1%) sind der Auffassung, dass sich das Verhalten Israels gegenüber den Palästinensern grundsätzlich nicht von dem der Nazis im Dritten Reich gegenüber den Juden unterscheidet.

68% der Deutschen sagen, dass Israel einen „Vernichtungskrieg“ gegen die Palästinenser führt.

Diese ernstzunehmenden Ergebnisse wurden in einer Studie (die erste dieser Art) über das Image Israels und über den Einfluss des Antisemitismus auf die deutschen Beziehungen zu Israel veröffentlicht. Die Studie wurde in Deutschland durchgeführt und wird heute im Rahmen einer Diskussion über den Kampf gegen den Antisemitismus in Berlin der Öffentlichkeit vorgestellt.

Die Studie über „Kritik an Israel bzw. Antisemitismus“ wurde im Rahmen einer langjährigen Studie über die Situation des Antisemitismus und Rassismus in Deutschland mit dem Namen „deutsche Bedingungen“ unter der Leitung von Dr. Wilhelm Heitmeyer von der Universität Bielefeld (Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung) durchgeführt.

Erstmals entschieden die Leiter der Studie, den Einfluss des Antisemitismus auf das Ansehen Israels zu untersuchen. Dies in Anbetracht der andauernden Diskussion in der deutschen Öffentlichkeit über die Grenzen zwischen Antisemitismus und legitimer Kritik am Staate Israel.

Seit Beginn der Intifada haben sich deutlich antisemitische Untertöne in die Kritik an Israel gemischt, die in politischen Kreisen, in der Presse und auch in der breiten Öffentlichkeit in Deutschland Ausdruck finden.

Die Ergebnisse der Studie zeigen erstaunliche Details über das Ausmaß des Zusammenhangs, der zwischen dem Antisemitismus und dem negativen Verhalten in Deutschland gegenüber Israel besteht, einem Staat, der bis vor Kurzem noch als der in der Europäischen Union am engsten mit Israel befreundete Staat galt.

Die Mehrheit der Deutschen rechtfertigt Gefühle der Antipathie gegenüber Juden wegen der Politik Israels:

31,7% der Personen, die an der Umfrage teilgenommen hatten, sagten, dass die Juden ihrer Meinung nach wegen der Politik Israels nicht mehr beliebt sind.

55,6% denken, dass sich die Juden, die in Deutschland leben Israel mehr verbunden fühlen als Deutschland.

44,4% sagten, dass es ihnen aufgrund der Politik Israels verständlich sei, warum Juden gehasst werden.

81,9% gaben zu, dass sie Zorn empfinden, wenn sie daran denken, wie Israel mit den Palästinensern umgeht.

86% sagten, dass es ungerecht sei, dass Israel den Palästinensern Boden wegnimmt.

Der Großteil der Deutschen vergleicht das Verhalten Israels mit den Verbrechen der Nationalsozialisten:

68,3% der Befragten gaben an, dass sie sich darüber ärgern, dass man die Deutschen auch heute noch wegen der Verbrechen an den Juden beschuldigt.

6