Kritik des deutschen Antizionismus

Die gewöhnlichen deutschen Antizionisten legen gesteigerten Wert darauf, nicht mit Antisemiten verwechselt zu werden. Auch wenn sie schreien „das palästinensische Volk wird siegen!“ (über welches andere Volk wohl?), wenn sie zum Boykott israelischer Waren auffordern oder den „übermächtigen Einfluss der jüdischen Lobby in den USA“ anprangern, wenn sie Scharon als Völkermörder und Kriegsverbrecher verurteilt sehen wollen oder „nur“ eine internationale bewaffnete Eingreiftruppe zum Schutz der palästinensischen Terrororganisationen vor der israelischen Armee fordern: Immer legen sie Wert auf die Behauptung, dass ihr Kampf nicht den Juden, sondern „nur“ dem Zionismus gelte, also dem Staat Israel.

Häufig verweisen sie auf jüdische oder israelische Kritiker Israels, die den israelischen Staat verbal heftig attackieren, weil diese des Antisemitismus ziemlich unverdächtig sind. Menschen wie Ury Avnery oder Felicitas Langer fungieren nämlich nicht nur als gern zitierte Kronzeugen gegen Israel, sondern sie dienen auch dazu, den nichtjüdischen Antizionisten einen Persilschein in Sachen Antisemitismus auszustellen.

Palästinensisches Elend — Fundament des antizionistischen Plattenbaus

Auf das sichtbare palästinensische Elend gründen die Antizionisten ihren ideologischen Plattenbau. Der Anteil, den israelisches Handeln an diesem Elend hat, wird in ihrer Sicht umstandslos zur alleinigen Ursache dafür. Akribisch weisen sie nach, dass Israel hier und dort zum Nachteil derer, die den Judenstaat vernichten woll(t)en, unrechtmäßig gehandelt hat, dass die Durchsetzung israelischer Sicherheitsbedürfnisse auf Kosten der Palästinenser gegangen ist. Dem „palästinensischen Volk“, jener Erfindung der Kräfte, die um die Herrschaft über das damit bezeichnete „Menschenmaterial“ untereinander und mit Israel streiten, gilt ihre grundsätzliche und unbedingte Sympathie, weil es die Rolle des Schwächeren spielt, für deren Rechte Linke (als solche verstehen sich die meisten Antizionisten) angeblich stets kämpfen. Jede kriegerische Aggression der arabischen Nachbarn Israels, jeder Terroranschlag wird so zur zumindest verständlichen, oft sogar ausdrücklich gut geheißenen Verteidigungshandlung, die mit der „Verzweiflung“ angesichts des übermächtigen Gegners legitimiert wird.

Die militärische und wirtschaftliche Überlegenheit Israels kränkt Antizionisten besonders. In ihrer Sicht konnte der jüdischen Staat nicht aus „natürlichen“ Gründen, nicht „aus eigener Kraft“ bislang über seine Widersacher triumphieren, sondern nur mit massiver finanzieller und politischer Unterstützung „von außen“: Gemeint sind die USA als führende imperialistische Weltmacht und jüdische Unterstützungsorganisationen. Israel erscheint als „künstliches Gebilde“, das auf das Konto der weltumspannenden zionistischen Organisationen geht. Die Nähe zur Nazirhetorik vom „internationalen Finanzjudentum“ ist kein Zufall. Außerdem wird dem jüdischen Staat vorgeworfen, dass er nur entstehen konnte, weil er mehr oder weniger zufällig auf günstige Voraussetzungen bei innerimperialistischen Auseinandersetzungen stieß: Israel wird in ihren Augen dadurch entwertet, es wird zum „imperialistischen Gebilde“. Ganz besonders hart gesottene Antizionisten rechnen auch noch die Shoa zu den Aktivposten für die Gründung des Staates Israel. Letztlich wird diesem Staat von allen vorgeworfen, dass er gegründet wurde und dass er in einer feindlichen Umwelt (deren Feindschaft er in antizionistischer Sicht naturnotwendig hervorgerufen hat) überleben konnte.

Gründe der antizionistischen „Liebe zu Palästina“

Befragt danach, womit denn gerade das „palästinensische Volk“ diese unbedingte Solidarität verdient habe, obwohl diese Erde an unterdrückten Menschen, die sich selbst als völkische Kollektive sehen, nicht gerade arm ist, geraten Antizionisten in eine gewisse Verlegenheit. Entweder berufen sie sich auf die freie Wahl des Liebespartners (obwohl gerade die im Gebiet der PA nicht gewährt wird), oder aber sie erklären sich zu einer Art Vormund für den jüdischen Staat; sie meinen festgestellt zu haben, dass „die Juden“ mit „ihrem“ Staat fast zwanghaft die Verbrechen an den Palästinensern wiederholten und damit den jüdischen Ruf in der Welt ruinierten. Davor und vor dem „daraus folgenden“ Antisemitismus will diese Spielart der Antizionisten die Juden durch Warnungen und Anklagen bewahren. Diese vorgebliche Sorge um das „Image der Juden“ ist nur die Perpetuierung der antisemitischen Vorstellungen, die Juden riefen den Antisemitismus selbst hervor.

Die antizionistische Liebe zum „palästinensischen Volk“ ist ausschließlich aus dessen mehrheitlich erklärter Tod-Feindschaft gegenüber Israel und den USA zu erklären; aus dem nie aufgegebenen, meist nur mühsam kaschierten auf den jüdischen Staat gerichteten Vernichtungswunsch, der — im Gegensatz zum deutschen Vernichtungsprojekt — immer an den realen Machtverhältnissen zunichte wird und deshalb an der jüdischen Bevölkerung sich auszutoben versucht.

Für uns sind diese Machtverhältnisse (die zweifellos „imperialistische“ sind) eine Beruhigung, weil die Existenz der einzigen einigermaßen sicheren Zufluchtsstätte für Juden vor dem weltweiten Antisemitismus weitgehend garantiert ist — zwangsläufig in der Form eines Nationalstaates, leider unter unzulänglichen Lebensbedingungen (worin wir auch das bedauerliche Elend auf dem Gebiet der PA einschließen). In einer nationalstaatlich organisiserten Welt gibt es keine Alternative zum Nationalstaat und verlässliche Schutzversprechen können selbstverständlich nur Staaten abgeben, die über das entsprechende militärische Potenzial verfügen. Dass diese (hier konkret die USA) in erster Linie ihre imperialistischen Interessen verfolgen und damit die unter ihrem Schutz befindlichen Staaten auch in ihrem Interesse benutzen, dass Israel damit oft genug zum Werkzeug der US-Interessen werden musste, ist eine bedauerliche geschichtliche Tatsache, deren Notwendigkeit aber nur leugnen kann, wer die Notwendigkeit des Staates Israel leugnet.

Von Antisemitismus nichts verstanden, aber „aus Auschwitz gelernt“

Der weit verbreitete offene Antisemitismus ihrer palästinensischen und arabischen Freunde ist deutschen Antizionisten peinlich. Deren häufige positive Bezugnahme auf Hitler und „seine“ Judenvernichtung wird, wenn sie denn nicht mehr ignoriert werden kann, wieder einmal als ein Akt der Verzweiflung gesehen, der zusätzlich noch mit angeblicher Distanz zur europäischen Geschichte und einer spezifischen „Mentalität“ oder „Kultur“ entschuldigt wird. Das führt aktuell dazu, dass Veranstalter pro-palästinensischer Demonstrationen ihre Sympathisanten auffordern, doch bitte pro-israelische Gegendemonstranten nicht mehr als „Judenschweine“ zu beschimpfen, sondern antizionistisch korrekt als „Zionistenschweine“, und lieber Scharon mit Hitler gleichzusetzen.

Das Wissen um das deutsche Verbrechen der Shoa macht es schwieriger, die kriminelle psychische Energie zu entwickeln, die zur Verurteilung des jüdischen Staates erforderlich ist. Also muss die legitime israelische Selbstverteidigung zu einer „Endlösung der Palästinenserfrage“ umgelogen werden, Terrorismusbekämpfung wird zu einem „Massaker an der Zivilbevölkerung“ oder zu einem „Vernichtungsfeldzug“.

Antizionisten haben den Antisemitismus, der bei ihren Freunden grassiert, nie begriffen. Er gilt ihnen immer noch als eine Form des „Rassismus“ (vorsichtshalber denunzieren sie im Einklang mit den Antisemiten den Zionismus als dessen schlimmste Form). Sie denken immer noch, der Antisemitismus bezöge sich auf die vermeintlichen oder tatsächlichen Eigenschaften von Juden, die der Anlass für eine Diskriminierung seien; er stelle sozusagen eine verurteilenswerte Meinung dar, die mit dem Hinweis auf bestimmte historische Ereignisse (Pogrome, die Shoa) zum Schweigen gebracht werden könne.

Dass Antisemitismus ein „notwendig falsches Bewusstsein“ ist, das aus einer falschen Kritik am nicht verstandenen Kapitalismus resultiert, können sie nicht begreifen, weil sie dieses „notwendig falsche Bewusstsein“ teilen und auch den Kapitalismus nicht begriffen haben. Ihr antikapitalistisches Ressentiment gilt ihnen bereits als Kritik. Dass Ausbeutung im Kapitalismus in der Produktionssphäre stattfindet, aber erst in der Distributionssphäre durch das „Missverhältnis“ zwischen der Höhe des Lohnes und den Kosten für die Mittel zur Erhaltung des Lebens und der Arbeitskraft zum Vorschein kommt, bleibt ihnen trotz einiger Grundkurse in Materialismus ein Rätsel, das sie auch gar nicht lösen wollen.

Dass diese Ausbeutung nicht in den charakterlichen Defiziten oder der „Geldgier“ der Kapitalisten ihre Ursache hat, sondern in dem abstrakten Zwang zur Selbstverwertung des Werts im kapitalistischen System, bleibt ihnen verborgen. Sie sehen in den verschiedenen „Charaktermasken des Kapitals“ (Spekulanten, Bankiers, Politiker etc.) die „Schuldigen“, im Geld und vor allem im unverstandenen Zins das „Grundübel“ — und nicht in dem allgemeinen Konkurrenzverhältnis, in das der „freie Warentausch“ alle Menschen unabhängig von Geld und Finanzmärkten zueinander setzt. Der manische Zwang zur Personalisierung als Voraussetzung für die „Kritik“ an einem inhumanen und zerstörerischen Wirtschaftssystem ist gleichermaßen Kennzeichen von Antisemiten und Antizionisten. Wahlweise sehen sie ihr Unglück im Juden schlechthin oder im jüdischen Staat. Der Unterschied zwischen beiden Positionen ist gering. Die Antizionisten haben lediglich aus der international erfolgten moralischen Verurteilung der Shoa einen Weg gefunden, den Antisemitismus wieder „ehrbar“ (J. Améry) erscheinen zu lassen.

„Freiheit für Palästina!“

Diesem Lieblingsslogan der antizionistischen Bewegung wäre zuzustimmen, wenn er tatsächlich ernst gemeint wäre — wenn er beispielsweise verlangte, dass Araber in den palästinensischen Autonomiegebieten genauso frei und emanzipiert leben, wie sie es im israelischen Kernland bereits können. Tatsächlich fordert er nur die Entstehung eines Nationalstaates, der — das müsste eigentlich allen Antiimperialisten klar sein — selbst wieder nur im Zuge eines inner-imperialistischen Machtkampfes als Protegée einer der beiden Seiten überleben könnte und darin keinen Deut „besser“ sein könnte als sein jüdischer Gegenpart. Klar sollte auch sein, dass dieser Machtkampf zwischen den USA, Israel und eventuell wenigen arabischen Verbündeten einserseits und dem von Deutschland geführten Europa mit der Mehrzahl der arabischen/islamischen Länder andererseits (wahrscheinlich noch mit Russland im Schlepptau) geführt würde.

Die Macht in diesem zweiten palästinensischen Staate fiele an Gruppen, die hinreichend verdeutlicht haben, wie sie mit innerstaatlicher Opposition umgehen, die sich gegenseitig (völlig zu Recht) der Korruption und Vetternwirtschaft bezichtigen, die alle deutlich gemacht haben, was sie von individuellen Freiheitsrechten halten: nichts. Alle Gruppen, die sich wahrscheinlich nach Ausrufung des palästinensischen Staates um die Macht in diesem Staat die Köpfe einschlagen werden, wollen sich mit „Palästina“ einen international anerkannten Rechtstitel für die militärische Bekämpfung Israels verschaffen. Was jetzt noch als Terror gilt und nur wohlmeinenden und „moralisch“ wohlwollenden Sympathisanten als „Freiheitskampf“ verkauft werden kann, wird dann als staatliche „Selbstverteidigung“ ausgeübt. Blauäugige Antizionisten scheinen wirklich zu glauben, der palästinensische Terror werde eingesetzt, nur um einen eigenen Staat Palästina zu erreichen, in dem „das palästinensische Volk“ selbstbestimmt leben kann. Dabei haben die meisten Terrororganisationen keinen Zweifel daran gelassen, dass die Errichtung eines Staates Palästina ihnen nur als eine höherwertigere Operationsbasis auf dem Weg zur Vernichtung des jüdischen Staates dient. Die meisten Antizionisten geben vor sich selbst noch nicht zu, dass sie mit ihnen in dieser Zielsetzung übereinstimmen. Wer inbrünstig „Das palästinensische Volk wird siegen!“ brüllt, ersehnt wieder einmal den „Endsieg über das Judentum“ — mag er das selbst auch ganz anders sehen.

Voraussetzung für die Freiheit der palästinensischen Bevölkerung wäre die Selbstbefreiung von den faschistisch-islamistischen „Freiheitskämpfern“ und deren ideologisch geringfügig anders motivierten laizistisch-nationalistischen Konkurrenten (etwa aus Arafats „Fatah“) um die Vernichtung des jüdischen Staates. Der Streit in der israelischen Politik geht darum, welche Maßnahmen und Zugeständnisse Israels diesen Prozess befördern oder erschweren können, und nicht zuletzt darum, ob es eine realistische Option ist, auf diese Selbstbefreiung zu setzen. Seit Beginn der „Zweiten Intifada“ lautet die Antwort darauf immer öfter „nein“.

Gegen den antiisraelischen Konsens in Deutschland!

Solidarität mit Israel!

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