Die Aufhebung der Philosophie war gescheitert: erst hatte die Arbeiterklasse im November 1918 den Sozialismus verraten, dann hatten Proletarier und Bourgeois im Januar 1933 gemeinsam die Demokratie verraten, schließlich hatte die akademische Fraktion des Kleinbürgertums im Mai 1968 auch noch das Erbe der Aufklärung überhaupt verraten. Die Kritische Theorie in der Fassung der Negativen Dialektik ist in einem die Reflexion dieses epochalen Debakels wie zugleich die Insistenz auf Wahrheit, auf Wahrheit über die negative Totalität der kapitalisierten Gesellschaft, auf Wahrheit gegen jeden Relativismus der Erkenntnis wie gegen jeden Pragmatismus des Handelns. Philosophie, die fortlebt, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt wurde, ist dadurch als materialistische bestimmt, daß sie in die paradoxe Konstellation von Kritik als Philosophie sich stellt. Versteht sich, daß dies den konzentrierten Haß der Linken, der Soziologen, der Postmodernen, der bürgerlichen Öffentlichkeit auf sich zog. Adorno hat umsonst gelebt: darin faßt sich das Urteil der deutschen Ideologie und insbesondere der Agenten des Jargons der Eigentlichkeit, der Heideggerianer und Foucaultianer und Habermasianer zusammen. Zielte schon die durchaus antisemitisch motivierte Verdrängung der Kritischen Theorie aus dem Kollektiv darauf, zur Wohlfahrt des Deutschtum beizutragen, so diente das Lob des Universalgenies dazu, die akademische Zerstückelung der Kritischen Theorie einzuleiten. Adorno wurde der gleichen Behandlung unterzogen wie Marx; man paßte ihn ins System der bürgerlichen Einzelwissenschaften ein und gewann so die neue Unschuld verdinglichten Denkens: Theorie statt Kritik. Damit diese Operation an Adorno gelingen konnte, mußte man ihm dasselbe amputieren wie schon Marx die Unbedingtheit des Kommunismus, den Marx nicht aus Adam Smith, nicht aus Hegel gewann, sondern aus dem utopischen Arbeiterkommunismus des Naturrechts, dem Naturrecht der Dézamys, Weitlings und Fouriers, den kategorischen Imperativ, der keiner Vermittlung fähig ist, das heißt die unmittelbare Evidenz der Vernunft. Die freie Assoziation als Antagonist falscher und verkehrter Synthesis durchs Kapital, eben: die Einheit des Vielen ohne Zwang darin besteht der Kommunismus als das Movens der Kritischen Theorie.
Vortrag und Diskussion mit Joachim Bruhn aus Freiburg (Initiative Sozialistisches Forum), Autor und Herausgeber beim ça ira-Verlag
am Donnerstag, dem 11. 9. 2003 um 18 Uhr
in Hörsaal 10 der Universität Bielefeld
Eine Veranstaltung des AStA der Universität Bielefeld im Rahmen des Politischen Dienstags
und der Gruppe Praxis Bestimmte Negation
zum 100. Geburtstag von Theodor W. Adorno (geb. 11. 9. 1903)
Mag sein, daß der Pluralismus in Deutschland mehr ist als nur eine Dutzendideologie. Mag auch sein, daß der Kampf zwischen Links und Rechts um die Besetzung der politischen Mitte mehr und anderes darstellt als nur das Spiegelspiel der Politik, vermittels dessen sich das Herrschaftsverhältnis der Souveränität reproduziert. Kann sogar sein, daß die linke Polemik für das Recht auf Arbeit tatsächlich den Antagonismus zur rechten Apologie der Freiheit des Marktes darstellt oder enthält. Zwar ist dies nach Maßgabe der materialistischen Kritik der politischen Ökonomie keineswegs zu erwarten, aber nach Maßgabe des unvermeidlichen Prinzips Hoffnung auch nicht kategorisch zu dementieren. Allerdings setzt der politische Pluralismus den Dogmatismus des Staates voraus, ist er doch, mit Marx, ein Mechanismus, der, durch die Konkurrenz um die Besetzung der Regierung, systematisch verschleiert, daß das gesellschaftliche Übel in der Existenz und im Wesen des Staates liegt. Im Wesen dieser Staatlichkeit liegt es, das Gewaltmonopol über Leben und Tod innezuhaben; im Wesen des deutschen Staates liegt es darüber hinaus, das tätige Selbstbewußtsein des Vernichtungs- und Mordzusammenhangs zu sein. Daran, an dieser allseits und kollektiv beschwiegenen oder gar um Sinn rationalisierten Geschäftsgrundlage der Politik, liegt es, daß sich die Linken mit den Rechten vermittels ihrer Mitte aller Differenzen zum Trotz immer dann einig sind, wenn es um Israel geht. In punkto Israel ist es egal, um ein beliebiges Beispiel anzuführen, ob der Ex-Grüne Jamal Karsli von der Jungen Freiheit interviewt wird oder gleich von der Roten Fahne, der Wochenzeitung der MLPD. Es ist ganz egal, um ein weiteres, eher akademisches Beispiel zu geben, ob Frankfurter Fordismus-Theoretiker wie Lupus oder Joachim Hirsch vom Gesellschaftlichen und Sozialen sprechen, aber konsequent abspalten und verdrängen, daß eben der Henry Ford, dem sie ihre schöne Theorie verdanken, ein Antisemit von Graden und ein Stichwortgeber des Führers war, daß schon bei Antonio Gramsci, dem Erfinder des Fordismus, diese Abspaltung so restlos funktionierte, daß die Kategorien der Hegemonie bis auf den heutigen Tag auch bei den Strategen der Konterrevolution sehr en vogue sind. Es ist schließlich ganz egal, ob man die Bücher von Noam Chomsky über den eher linken zu Klampen-Verlag aus Lüneburg bezieht oder gleich beim Deutschen Buchdienst der Deutschen Volksunion, wie es auch erst recht egal ist, ob Chomsky von der National-Zeitung zur Weltlage befragt wird oder gleich von der jungen Welt das alles ist gleichgültig und der Beispiele daher kein Ende, weil der Gegensatz von Links und Rechts in punkto Israel aufgehoben und vernichtet ist, weil man sich der gemeinsamen Geschäftsgrundlage als Deutsche versichern will. Darum geht es das Verbrechen am Grund der eigenen, der postfaschistischen Staatlichkeit abzuspalten und es auf Israel zu projizieren, d.h. dem Kult des Volksstaates sich ergeben zu können, dem so süßen wie daher mörderischen Wahn der Identität von Volk und Führung, von Bürger und Politik. Wie daher der Antisemitismus, die eher ökonomisch sich legitimierende Seite des Judenhasses, als die Alltagsreligion der kapitalisierten Gesellschaft in der Scheidung des produktiven vom spekulativen Kapital sich niederschlägt, so der Antizionismus, die eher politisch sich camouflierende Version eben desselben Judenhasses, in der säuberlichen Trennung zwischen dem Staat des ganzen Volkes, d.h. dem organischen Volksstaat Deutschland einerseits, und dem desolaten Konstrukt Israel andererseits, das sich, unorganisches Gebilde und Bollwerk des Imperialismus, das es unheilbar ist, gegen die Palästinenser nur nazistischer Vernichtungsmethoden bedienen könne. Es drückt sich in dieser Spaltung aus, daß sie eine Abspaltung ist, daß das kapitalisierte Bewußtsein unter dem Niveau noch der bürgerlichen Aufklärung liegt, daß es den revolutionären Ursprung seiner eigenen Staatlichkeit verleugnet. Die materialistische Staatskritik hat sich dieser Ideologisierung zu erwehren, indem sie allererst das unter den Deutschen gängige Märchen bestreitet, der Antisemitismus sei das eine, der Antizionismus aber das ganz andere.
Vortrag und Diskussion mit Joachim Bruhn
am Mittwoch, dem 10. 9. 2003 um 19.30 Uhr
in der Alten Pauline, Bielefelder Str. 3, Detmold
Eine Veranstaltung der Kulturinitiative Detmold e.V.
V.i.S.d.P.: Georg-Weerth-Gesellschaft e.V., Postfach 1424, 32704 Detmold, georg_weerth@web.de