Seit der Nationalsozialismus besiegt ist, haben die Deutschen ein schizophrenes Verhältnis zu ihrem Vorgängerstaat. Einerseits wird Abscheu bekundet über die Verführer, die den Deutschen den Zweiten Weltkrieg eingebrockt haben, andererseits gibt es die Bewunderung für die ebenso konsequente wie ordentliche Bewältigung der Arbeitslosigkeit, der Erziehung der Jugend oder der Bekämpfung von Kriminalität. Um zu verschleiern, dass in der heutigen deutschen Zivilgesellschaft das Wesen der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft fortbesteht, werden die schlechten Seiten von den angeblich guten Seiten des NS abgespalten. Die stille Begeisterung für die guten alten Zeiten macht auch aus Mördern und Totschlägern der Wehrmacht verständniswürdige Opfer der Umstände und trennt den Antisemitismus der NS-Elite vom Pflichtbewusstsein des einfachen Soldaten. Damit wird sich der eigenen Schuld entledigt und der kriegserprobte Großvater zum netten alten Opa.
Jeder Nationalstaat braucht seinen Mythos, seine Heroen, seine Lenker. Und weil die Bundesrepublik um einiges antitotalitärer ist, als die DDR jemals antifaschistisch war, findet man Helden, die den Massen begreiflich machen sollen, warum der NS zugunsten der Demokratie aufgegeben werden musste. Nicht durch Zufall berufen sich die Demokraten von heute fast ausnahmslos auf ehemalige Nazis, um ihr ungestörtes Verhältnis zu Deutschland zu retten: Stauffenberg und sein Verschwörerpack vom 20. Juli sind das perfekte Vorbild für den deutschen Staatsbürger von heute. Sie wollten Hitler nicht stürzen, um den Holocaust zu stoppen, sondern weil sie Deutschlands drohenden Untergang abwenden wollten. Heute gedenkt man der ehrenhaften und pflichtbewussten Soldaten im Auftrage Deutschlands im selben Atemzuge wie der ermordeten Juden. Die Attentäter waren besorgt um das zukünftige Deutschland. Ihre Sorge war unbegründet. Der Faschismus hat sich erledigt, aber das moderne Deutschland ist wieder eine Großmacht und die ermordeten Juden bleiben tot.
Warum die Deutschen sich nach dem guten Nazi sehnen und was das alles mit der Wehrmachtsausstellung zu tun hat, darüber informiert Thomas Ebermann (Autor u.a. bei konkret).
Mittwoch, 13. 2. 2002 19.30 Uhr
Bürgerwache am Siegfriedplatz
Rolandstraße 16, 33615 Bielefeld
Veranstalter und V.i.S.d.P.:
Georg-Weerth-Gesellschaft e.V., Detmold