Wann immer heute in Deutschland über die Verbrechen des Nationalsozialismus geredet wird, werden im selben Atemzug die schwere Lage und das Leiden der Deutschen zu dieser Zeit thematisiert. Und die Erinnerung daran ist meist noch deutlich lebendiger und empathischer. Vergessen wird, dass es den Deutschen am Ende des Krieges materiell besser ging als selbst den Engländern (von Polen oder Russen ganz zu schweigen). Vergessen wird, dass die allermeisten NS-Verbrechen nicht nur nie gesühnt wurden, sondern dass bis heute aus ihnen wirtschaftlich Profit geschlagen wird, dass der heutige Wohlstand weniger der zum Mythos hochstilisierten Aufbauarbeit der Nachkriegszeit zu verdanken ist als vielmehr den Arisierungen und der Zwangsarbeit im Dritten Reich.
Stattdessen wähnen sich die Deutschen als die eigentlichen Leidtragenden des Krieges, denn schließlich haben sie ihn verloren. Von den apokalyptischen Phantasien der eigenen Bestrafung und gerechtfertigten Vernichtung durch die nunmehr siegreichen Geknechteten und Verfolgten, die in Deutschland angesichts des nahenden Kriegsendes die Runde machten, hat sich nichts bewahrheitet.
Dennoch fühlen sich die Deutschen gedemütigt und bestraft. Man habe nun genug Schmach und Strafe ertragen, heißt heute der Konsens nicht nur an den Stammtischen, und außerdem habe man unter dem Krieg ja selbst gelitten und es sei halt eine schwere Zeit für alle gewesen. Wer heute noch die kategorische Unterscheidung zwischen Opfern und Tätern betreibe, wolle doch nur Deutschland und der Völkerverständigung schaden.
Da die Opfer nicht mehr leben, können die Deutschen die Versöhnung mit ihnen vollziehen im Einerlei der mythisierten eigenen Leiden und der tatsächlichen von ihnen selbst verursachten. Diese den toten Opfern und ihren hilflosen Nachkommen aufgezwungene Versöhnung ist in Wahrheit die Versöhnung der Deutschen mit den eigenen ungesühnten Verbrechen.
Die Wehrmachtsausstellung die neue wie die alte präsentiert die Verbrechen der Wehrmacht losgelöst aus ihren gesellschaftlichen Zusammenhängen und als ein isoliertes historisches Ereignis, von dem man sich bequem distanzieren kann, ohne die heutigen Verhältnisse und ungebrochenen Kontinuitäten reflektieren zu müssen. Dadurch fördert sie die Versöhnung der Deutschen mit sich selbst und ihrer heutigen Wirklichkeit, ohne den Bruch mit der bis heute andauernden materiellen und ideologischen Verstrickung in die Verbrechen zu verlangen.
Günther Jacob (Autor u.a. bei konkret) schreibt dazu: Diskutiert wird diese Ausstellung in einer bestimmten Plotstruktur der psychoanalytischen Begriffe, wie z.B. Vergangenheitsbewältigung, Einfühlen, Vergeben oder Durcharbeiten, und in der Plotstruktur der Tragödie. Wenn die Morde der Tätergeneration in der Plotstruktur der Tragödie diskutiert werden, dann ist eine bestimmte dramatische Geschichte vorgegeben, an deren Ende die Versöhnung stehen kann.
Donnerstag, 28. 2. 2002 19.30 Uhr
Bürgerwache am Siegfriedplatz
Rolandstraße 16, 33615 Bielefeld
Veranstalter und V.i.S.d.P.:
Georg-Weerth-Gesellschaft e.V., Detmold