Die Zukunft der deutschen Vergangenheitsbewältigung

Zur Erinnerungskultur und ihren neuen Funktionen

anlässlich des 65. Jahrestags der Reichspogromnacht am 9. 11.


Günther Jacob in konkret 10/2003: „Die erste Bestandsaufnahme deutscher Erinnerungskultur hat Saul K. Padover 1944 und 1945 gemacht. Zur Einstellung der Deutschen zu den Verbrechen der Wehrmacht notierte er: ‚Niemand kritisierte die Aggression als solche. Kritisiert wurde die gescheiterte Aggression. Hitler wird vorgeworfen, den Krieg verloren, und nicht, ihn begonnen zu haben.‘ (Lügendetektor. Vernehmungen im besiegten Deutschland 1944/45, Frankfurt/Main 1999). Diese Einstellung hat sich bis heute kaum geändert. Man hat aber Wege gesucht und gefunden, sie unter sich wandelnden äußeren Bedingungen (vor und nach der Wiedervereinigung) angemessen ausdrücken zu können. Zu diesem Zweck hat man sich jahrelang an den Debatten über den Holocaust abgearbeitet und dabei eine eigene Opfersprache entwickelt.“

Die aktive Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus kann den Zivilgesellschaftlern nur als unangenehme Pflicht erscheinen, deren Erfüllung das nationale Gewissen reinwäscht. Deshalb wollen sie (noch) nicht mit Walser den offenen Angriff gegen diese „Zumutung“ und deren vermeintlich jüdische Urheber wagen, stattdessen aber nach der „Aufarbeitung“ der deutschen Taten zumindest mit Grass die Beschäftigung mit den „deutschen Opfern“ auf die Tagesordnung setzen. Die ursprünglich aufrichtige Auseinandersetzung mit den deutschen Verbrechen entpuppt sich nachträglich als instrumentell, wenn sie als moralischer Mehrwert für die Rechtfertigung eines neuen nationalen Selbstbewusstseins gerade auch gegenüber den Opfern und ihren Nachkommen Verwendung findet.

Jacob: „Der vermeintliche Zuwachs an moralischer Autorität erlaubt es nun sogar, von den Opfern des Nationalsozialismus eine Gegenleistung zu verlangen. Die Wehrmachtsausstellung gehört in diesem Sinn zur Ikonographie deutscher Tugendhaftigkeit, die gegen Kritiker ins Feld geführt werden kann.“


Vortrag und Diskussion mit Günther Jacob aus Hamburg, Autor bei konkret und jungle world, Antisemitismus-Experte mit zahlreichen Publikationen

zu Erinnerungskultur, Wehrmachtsausstellung u.v.m.

am Donnerstag, dem 13. 11. 2003 um 19.30 Uhr

in der Alten Pauline, Bielefelder Str. 3, Detmold


Eine Veranstaltung der Georg-Weerth-Gesellschaft

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